Absichern

1 x 1 Basiswissen

Bei einem Sturz in eine Zwischensicherung oder direkt in den Stand können grosse Kräfte wirken (bis nahezu einer Tonne!). Eindrucksvoll zu sehen hier. Damit das Klettern trotz selbst gesetzten Placements sicher ist, müssen ein paar Grundregeln beachtet werden:

  • Der Standplatz ist die Überlebenssicherung der Seilschaft und muss daher sehr zuverlässig sein. Der Standplatzbau ist eine Wissenschaft für sich und muss unter kundiger Leitung erlernt werden. Gängige Lehrbücher dazu helfen auch weiter.
  • Die erste Zwischensicherung ist die Wichtigste (Sturzfaktor), auf sie kommt im Falle eines Sturzes des Vorsteigers die grösste Belastung. Sie sollte bald nach dem Stand oder dem Boden kommen.
  • Die Placements sind nur so gut wie der Fels (stabiler Fels, eher grosse Strukturen wählen).
  • Belastungsrichtung beachten und bereits so legen, vorsichtig mit Festziehen testen.
  • Überprüfen, ob das Gelegte beim Weiterklettern und Seilzug nicht rausfliegt, kein zu grosser Seilzug (zick-zack) in der Linienführung (evtl. mit Schlingen verlängern).
  • An den Nachsteigenden denken. Kriegt er/sie das Zeug auch wieder raus?

Clean Climbing Tools

  • Schlingen

    Schlingen sind - gewusst wie - geniale Sicherungsmittel. Sie bestechen durch Vielseitigkeit, Einfachheit und nicht zuletzt den geringen Preis. Im Folgenden eine Auswahl klassischer Anwendungsmöglichkeiten.  

    SCHLINGEN: SANDUHREN 

    Wahrscheinlich das Lieblingssicherungsmittel aller Clean Climber. Bei Sanduhren handelt es sich um hervorstehende natürliche Felsformen, die aussehen – nun – eben wie Sanduhren. 

    Wie anwenden? 

    Schlinge drum und fertig ist die Sicherung! Dazu muss aber einiges beachtet werden:  

    • Sanduhr genügend dick (mindestens Handgelenkdick) und stabil (nicht gebrochener, rissfreier und durchgewachsener Fels) 
    • Schlinge liegt möglichst nicht an der dünnsten Stelle, sondern auf möglichst breiter Basis auf. Darum auf keinen Fall wie bei Bäumen die Sanduhr mit einem Ankerstich abwürgen. Dies führt dazu, dass sich die Schlinge an der engsten (und somit schwächsten) Stelle zusammenzieht.  
    • Horizontale Sanduhren sind eher heikel, wenn möglich vertikale bevorzugen. 
    • Sind die Löcher zu klein, kann man es auch mit einfach gefädelten Reepschnüren versuchen. 

    SCHLINGEN: BÄUME 

    Unterhalb der Waldgrenze stehen uns die Bäume als unentbehrliche Freunde und Helfer zur Verfügung. Alles was lebt, gesund und breiter als dein Unterarm ist, taugt als Zwischensicherung. Alles was breiter als dein Oberschenkel ist, auch als Stand. 

    Wie anwenden? 

    • Schlinge möglichst nahe bei der Wurzel anbringen, um mögliche Querbelastungen des Baumes zu verhindern. Das gleiche gilt bei dicken Ästen. Am besten verwendet man einen Ankerstich, um das verrutschen der Schlinge zu verhindern. 

    SCHLINGEN: ZACKEN 

    Unentbehrlich, insbesondere auf Grattouren im Granit, sind herausragende Felszacken, um die schnell eine Schlinge gelegt werden kann. Doch Achtung, durch den Seilzug können Zackenschlingen leicht abgezogen werden! Um je mehr Kanten und Einbuchtungen man die Schlinge legt, desto besser. 

    Wie anwenden? 

    Um zu verhindern, dass die Schlinge beim Weiterklettern über den Zacken rausgehoben wird, gibt es verschiedene Möglichkeiten: 

    • Schlinge verlängern 
    • Schlinge mit mehreren Expressen oder Steinen beschweren oder verklemmen.  
    • Mit einem Würgeknoten oder einem Sackstich dafür sorgen, dass die Schlinge sich unverrückbar um die Zacke legt. Aber Achtung, Knoten in der Bandschlinge vermindern die Festigkeit um rund die Hälfte, bei den modernen dünnen Dyneema Schlingen sogar noch etwas mehr (besser keine solchen verwenden)! 
    • Zackenschlinge entgegen der Zugrichtung mit einem Keil, Friend, etc. verspannen, und so das Aushebeln verhindern
  • Schlaghaken

    Wer kennt nicht die alten Rostgurken, die noch aus der Anfangszeit des Kletterns in klassischen Routen vor sich hin modern? Der Ruf der Normalhaken ist zu Unrecht schlecht: Gut gesetzt sind sie Klemmgeräten oder Keilen mindestens ebenbürtig.  

    Richtige Clean Climber nehmen ihre Normalhaken, wenn möglich, wieder mit.  

    Wie anwenden? 

    • So wenig wie möglich, so viel wie nötig. 
    • Für „weichen“ Fels (z.B. Kalk) Weichstahlhaken, für „harten“ (Granit, Gneis) Hartstahlhaken. Unterschiedliche Formen für unterschiedliche Risse: Messerhaken für ganz schmale Risse, Profilhaken für die etwas breiteren. 
    • Der Fels mit dem Riss muss stabil sein (Hammertest: heller, klingender Ton ist gut, dumpfer Ton schlecht).  
    • Der Haken sollte nur wenig von Hand in den Riss gesteckt werden können (ca. 1/3 bei Weichstahl, 2/3 bei Hartstahl).  
    • Der Haken sollte beim Einschlagen in immer höheren Tönen zu „singen“ beginnen, sonst sollte man der Sache nicht vertrauen. 
    • Haken können in horizontalen, schrägen oder vertikalen Rissen platziert werden, jedoch mindestens rechtwinklig zur Sturzrichtung! 
    • Um Haken wieder zu entfernen, diesen immer wieder auf die Seiten hin- und herschlagen. Das kann dauern und bedingt einen zweiten Hammer für den Nachsteiger. 
  • Klemmkeile

    Erst mit dem Aufkommen der Klemmkeile Anfang der 1970er Jahre konnte sich das Clean Climbing überhaupt als eigenständige Kletterform etablieren. Klemmkeile sind passive Sicherungsmittel und werden in Rissen gelegt, welche in Sturzrichtung (meistens nach unten!) zusammenlaufen. Solche Risse muss man aber erst einmal finden. Gut am richtigen Ort gesetzt, halten Klemmkeile auch harte Stürze. Wie bei den Zackenschlingen muss aber aufgepasst werden, dass der Seilzug den Keil nicht aus dem Riss hebelt. 

    Wie anwenden? 

    • Klemmkeile können in alle Risse gelegt werden, die sich in Sturzrichtung verengen.  
    • Der Fels muss stabil sein, denn bei einem Sturz wirken grosse Kräfte auf die Seitenwände (Sprengkräfte von über einer Tonne!).  
    • Der Keil sollte flächig aufliegen und bereits in Sturzrichtung platziert und danach gut festgezogen werden, damit er beim Weiterklettern nicht verrutscht. Ist es der letzte Keil vor der schwierigen Schlüsselstelle, kann auch mit leichten Hammerschlägen nachgeholfen werden.  
    • Oftmals reicht es, den Keil mit mehreren Expressen oder einer Bandschlinge zu verlängern, um zu verhindern, dass er herausspringt. 
    • Ganz kleine Microkeile sind schwierig zu platzieren und halten kaum einen Vorstiegssturz.  
  • Klemmgeräte

    Klemmgeräte können in Rissen oder Löchern gesetzt werden, wo die Seitenwände in etwa parallel sind. Dabei muss folgendes unbedingt beachtet werden: 

    • In Sturzrichtung platzieren. Ansonsten kann es bei einem Sturz passieren, dass das Klemmgerät aus dem Riss gehebelt wird. 
    • Alle Segmente müssen am Fels aufliegen. Ist dies nicht der Fall, können die Tools leicht herausgerissen werden. 
    • Klemmgeräte nicht ganz offen legen. Bei einem Sturz könnte das Gerät ansonsten durchrutschen. 
    • Klemmgeräte nicht an Stellen legen, die sich nach hinten weit öffnen. Mit Seilzug tendieren die Geräte dazu, nach hinten zu wandern. 
    • Gerät nicht maximal zusammenziehen und nicht zu tief in den Riss stecken, sonst bekommt man es womöglich nie wieder heraus.  
    • Bei ganz kleinen Klemmgeräten ist Vorsicht geboten. Ehrlicherweise setzt man die ganz kleinen Dinger nicht zur Sturzsicherung ein. Die psychologische Wirkung („der Sturz wird zumindest gebremst...“) der Micro-Klemmgeräte ist aber ungebrochen. 
  • Exoten

    In der Schweiz finden vor allem Klemmkeile und Cams weite Verbreitung. In dieser "Exoten"-Rubrik möchten wir auf einige weitere Tools zum selber Absichern hinweisen, welche je nach Einsatzgebiet sehr gute Dienste leisten können. 

    OMEGA PACIFIC LINK CAMS 

    Diese Erfindung von Greg Lowe funktioniert wie ein normaler Friend, zeichnet sich jedoch durch eine deutlich grössere Spannweite aus. So können mit einem Link Cam Spannweiten zwischen 2 bis maximal 5 konventionellen Klemmgeräten abgedeckt werden. Diese wertvolle Erweiterung der Spannweite wird durch eine bewegliche Dreiteilung der Backen ermöglicht. Ein Nachteil ist dabei das erhöhte Gewicht dieser Konstruktion. 

    TRI-CAM 

    Der Tri-Cam von C.A.M.P ist zumindest in der Schweiz ein relativ selten verwendetes Tool. Im Einsatz stellt es eine Kombination von einem aktiven und passiven Klemmgerät dar. Einerseits kann es konventionell wie ein normaler Klemmkeil verwendet werden oder aber auch mit einer Drehmomentwirkung, welche zum Verklemmen des Gerätes führt.  

    HEXENTRICS 

    Je nach Hersteller Hexentrics oder Rockcentrics genannt, waren die Hexen vor der Verbreitung von Klemmgeräten unverzichtbar zum Absichern breiterer Risse. «Hexen» haben meistens ein asymmetrisches Sechskantprofil, womit mit einer Hexe drei mögliche Rissbreiten abgedeckt werden können. Wie die Klemmkeile handelt es sich bei den Hexen um passive Sicherungsgeräte, die nur in Sturzrichtung zusammenlaufenden Rissen funktionieren. 

    Wie anwenden? 

    Siehe Klemmkeile 

    BALL NUTS 

    Ball Nuts sind eine Mischung aus Klemmkeil und Klemmgerät und wurden 1987 erfunden. Wie Klemmgeräte können sie auch in parallelen Rissen platziert werden. Sie passen auch in schmalste Risse hinein, wo man sonst nur noch mit Schlaghaken weiterkommt. Die Spannweite an absicherbaren Rissbreiten ist aber relativ klein und liegt im Millimeterbereich. Das Legen in parallelen Rissen erfordert somit bedeutend mehr Präzision als bei den Klemmgeräten. Wie auch bei den kleinsten Keilen und Cams ist der kleinste Ball Nut vor allem eine psychologische Stütze. 

    Wie anwenden? 

    Die Ball Nuts sind eine Art Mischung aus Klemmkeil und Klemmgerät. Beim Platzieren werden die zwei verschiebbaren Elemente zusammengezogen und in den Riss gesteckt. Beim Loslassen verkeilen sich die Elemente ineinander und das ganze Gerät steckt im Riss fest. Das Legen erfordert wegen der relativ kleinen Spannweite pro Gerät hohe Präzision.  

    BIG BROS 

    Für Leute die gerne RICHTIG fette Risse oder Kamine clean klettern möchten, kommt von Trango die Rettung in Form eines ausziehbaren Sicherungsrohrs. Die Spannweiten sind im Vergleich zu anderen Absicherungsgeräten enorm. Big Bros funktionieren in etwa nach dem Prinzip «Duschvorhangstange». Es braucht relativ viel Erfahrung und präzise Legearbeit, damit die eingeklemmten Rohre auch wirklich etwas bringen. In gleichförmig parallelen Rissen (Gneis, Granit) sind sie aber super: Auslöseknopf drücken, Manschette anziehen und weiter geht's. 

    Wie anwenden? 

    • Big Bros in breiten Rissen oder Kaminen einsetzen 
    • Seitenwände müssen stabil und der Fels sauber sein 
    • Sicherungsrohr in etwa horizontal platzieren. Die Enden sind leicht angeschrägt und werden idealerweise in kleinen Vertiefungen platziert, damit die Sicherungsstange nicht herausrutscht 
    • Längenanpassung mittels Auslöseknopf, danach mit Manschette festschrauben 
    • Expressschlinge in eingefädelte Reepschnur einhängen 

     

  • Sächsische Knoten

    Bedingt durch die lange Klettertradition, einer rigorosen Kletterethik mit strengem Kletterkodex und weichem Sandstein haben sich in der Sächsischen Schweiz im Osten Deutschlands einzigartige Absicherungstechniken entwickelt, die bei Auswärtigen oft blankes Entsetzen hervorrufen. Ohne Knotenschlingen kommt man in Sachsen fast nirgends hoch, denn metallene Tools sind streng verboten, um das weiche Gestein zu schonen. Bei den Knotenschlingen handelt es sich meistens um simple Seilstücke mit einem Sackstich drin, welche wie Keile in Risse gelegt werden. Bei Belastung expandiert der lose geknüpfte Knoten und kann so den Sturz halten.  

    Kein Wunder, ist die Vorstiegsmoral der Sachsen und Sächsinnen legendär und der Rest der Welt ein Haufen Warmduscher. 

    Wie anwenden? 

    Wer wissen will, was es mit «Affenfaust», «Fusselschlinge» und «Kinderkopf»auf sich hat, belegt am besten einen Kurs oder kauft zumindest ein Lehrbuch: Das Buch „Kinderkopf und Affenfaust (2010)“ von Gerald Krug im Geoquest Verlag in Halle (ISBN 978-3000149528) ist auch für Nicht-Sachsen sehr lesenswert!