Mountain Wilderness Schweiz https://mountainwilderness.ch MoMountain Wilderness Schweiz ist eine Alpenschutzorganisation. Wir engagieren uns für die Wildnis und einen umweltverträglichen Bergsport. de-DE TYPO3 News Sat, 25 Sep 2021 09:50:13 +0200 Sat, 25 Sep 2021 09:50:13 +0200 TYPO3 EXT:news news-730 Tue, 17 Aug 2021 15:26:02 +0200 Feuer in den Alpen Gasterntal: Gletschervorfelder als schützenswerte Vielfalt /aktuell/detail/feuer-in-den-alpen-gasterntal-gletschervorfelder-als-schuetzenswerte-vielfalt/ Das traditionelle Höhenfeuer hat rund 35 Teilnehmende ins sonnenbeschienene Gasterntal gezogen. Spannende Ausführungen zu exemplarischer Vielfalt des Gletschervorfelds, Einzigartigkeit der wilden Kander sowie Anekdoten aus der Region machten diesen Wochenend-Anlass rundum gelungen. Der Wildnis Wert verleihen

Kurz nachdem alle Teilnehmenden begrüsst waren, geht’s los. Die Geographin und ausgewiesene Kennerin von Gletschervorfeldern Mary Leibundgut erläutert vor Exkursionsstart ins Gletschervorfeld erste Begriffe. Seit sie den Kanderfirn vor rund 20 Jahren kartiert hat, hat sich dieser um mehrere hundert Meter zurückgezogen. «Freigelegt wurde keine Steinwüste», betont sie. Was sich auch den Teilnehmenden zunächst als karge Flusslandschaft zeigt, entpuppt sich während der Wanderung über die Schwemmebene zur Seitenmoräne als vielfältiges Gebiet in stetigem Wandel. Das Gletschervorfeld ist eines von knapp 70 als alpine Auen geschützten Vorfeldern – die Fülle an, teils seltenen, Pflanzen, geomorphologischen Formen und abwechslungsreichen Gewässern ist atemberaubend. Die traurige Realität sieht die Kantone in ihrem Schutzauftrag jedoch im Rückstand. Nur ein Bruchteil der insgesamt rund 1800 Gletschervorfelder ist geschützt. Den Teilnehmenden wird bei den emotionalen Erläuterungen klar: Den drohenden Naturgefahren und der Ausbeutung durch Energiegewinnung zum Trotz – diese Gebiete sollen unberührt bleiben!

Doch wie kalkuliert man den Wert einer solch einzigartigen Landschaft und macht diesen Öffentlichkeit und Entscheidungsträgern begreiflich? Fragen, ohne abschliessende Antwort, die die Wichtigkeit von Pionierinnen wie Mary und Anlässen wie dem Feuer in den Alpen betonen. Die angeregten Diskussionen werden auch nach der Rückkehr nach Selden weitergeführt.

Dem Ganzen einen Rahmen geben

Verschiedene Ansprachen geben abends den Inputs von Mary Leibundgut einen weiteren Rahmen. Maren Kern, Geschäftsleiterin von Mountain Wilderness Schweiz, stellt den Einsatz für mehr Wildnis vor. Dieser führt auch auf die höchsten Gipfel, wie mit einer jüngst lancierten Petition zum Abbau unnötiger Gipfelwerbung.

Hansueli Rauber, Präsident der Bäuert Gasterntal, stimmt die Zuhörenden mit Lokalkenntnissen und Anekdoten auf das Tal ein. Das Motto der Einwohnenden kommt deutlich zum Vorschein: «Klar und ehrlich!» Ihre Eigenwillikeit hat zum Beispiel zum heute für den Alpenschutz höchst förderlichen Umstand geführt, dass das Tal nur mit einer schmalen, einspurigen Strasse erschlossen ist.

Neues Label für wilde Gewässer

«Nur noch 5% der Schweizer Gewässer befinden sich in naturnahem Zustand», erklären Antonia Eisenhut und Kurt Eichenberger vom WWF Schweiz. Das neue Label «Gewässerperle PLUS» fördert das Engagement der lokalen Entscheidungstragenden. Die wilde Kander wäre ein heisser Kandidat für das Label!

Derweil stellt Mitveranstalter Hans Weber die CIPRA Schweiz als Dachorganisation der Alpenschutzorganisationen vor. Die Teilnehmenden werden die Bedeutung der Buchstaben CIPRA wohl nie mehr vergessen. Für alle anderen: Sie stehen für Commission Internationale pour la Protection des Alpes. Am Feuer an der Kander klingt der Abend aus. Sebastian Moos erklärt, dass Mountain Wilderness Schweiz sich dafür einsetzt, dass sich die Qualität der wildesten Räume der Schweiz nicht schmälert. Die neue Wildnis der Gletschervorfelder spielt dabei eine wichtige Rolle.

Gekommen um zu bleiben

Während das Feuer langsam ausbrennt, liegen einige noch auf dem Rücken und verfolgen die weniger werdenden Sternschnuppen der Perseiden. Das tolle Zusammenspiel der vielen Sonnenstunden, einer gut durchmischten und geselligen Gruppe sowie zuvorkommender Gastfreundschaft hat dazu geführt, dass rund zwei Drittel der Teilnehmenden auch die Nacht in der Höhe verbringen.

Weiterführende Links:

Hintergrundwissen:

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Alpenschutz
news-728 Tue, 10 Aug 2021 08:30:00 +0200 Gipfelwerbung nein danke! Unsere Petition für werbefreie Gipfel /aktuell/detail/gipfelwerbung-nein-danke-unsere-petition-fuer-werbefreie-gipfel/ Werbung am Berg ist störend. Schlicht inakzeptabel sind dauerhafte Eingriffe in wilder Bergnatur wie die Metallstelen mit QR-Code als Zugang zu digitalen Gipfelbüchern der Graubündner Kantonalbank. Mit einer Petition fordern wir die Bank zum Rückbau der Stelen bis Ende 2021 auf. Die Bergwelt dient schon immer als Werbesujet für unzählige Marken, Produkte und Dienstleistungen. Immer aufdringlicher wird die Werbung auf den Bergen. Insbesondere dauerhafte Installationen degradieren Bergwildnis und damit wertvolle Erfahrungs- und Lebensräume für Mensch und Tier.

100 von 150 GKB-Werbestelen sthehen auf wilden Gipfeln

Ein noch junges und besonders stossendes Beispiel sind die 60 x 40 cm grossen Metallstelen mit aufgedrucktem QR-Code als Zugang zu digitalen Gipfelbüchern, mit welchen sich die Graubündner Kantonalbank (GKB) anlässlich ihres 150. Jubiläums auf ebenso vielen Berggipfeln selbst ein Denkmal gesetzt hat. Nach unserer Analyse befinden sich 100 Werbestelen auf Gipfeln mit hoher Wildnisqualität. Das heisst, sie sind abgeschieden und kaum von menschlichen Einflüssen geprägt. Solche letzten Räume der Schweiz müssen für authentische Wildniserfahrungen für diese und kommende Generationen erhalten bleiben.

Taten sprechen mehr als Worte

Wir sind mit der Bank in Kontakt getreten und haben die Verantwortlichen aufgefordert, zumindest die 100 Stelen auf den wilden Gipfel bis Ende 2021 zu demontieren. Dieser Aufforderung will die GKB nicht nachkommen. Erst 2023 soll eine nächste Beurteilung des Marketingprojektes vorgenommen werden, ein Rückbau ist derzeit nicht geplant. «Ziel ist es, für die Schönheit der Bündner Berge zu sensibilisieren», kleidet sie die PR-Aktion in schöne Worte.

Diese Schönheit möchten wir ohne Werbung geniessen. Mit einer Petition fordern wir den Rückbau der Stelen bis Ende 2021 und senden ein Signal an andere Firmen, welche die Bergnatur zu Werbezwecken missbrauchen.

Weiterführende Links:

Petitionsseite werbefreigipfel.ch
Medienmitteilung vom 12.08.2021

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Alpenschutz
news-724 Tue, 22 Jun 2021 16:50:43 +0200 Rückbau zur Wildnis: 4 Tonnen Metallschrott und Pfosten abgebaut in 2 Tagen /aktuell/detail/rueckbau-zur-wildnis-4-tonnen-metallschrott-und-pfosten-abgebaut-in-2-tagen/ Am Wochenende des 29. und 30. Mai haben sich Freiwillige aus Frankreich und der Schweiz zusammengetan und den alten Zaun eines ehemaligen Rentierparks abgebaut. Fotofallen zeigen eine Rückkehr der Wildtiere auf. Im französischen Jura, unweit der Schweizer Grenze, bestand bis 1995 ein Rentierpark, der als touristische Attraktion galt. Er erstreckte sich über eine Fläche von etwa zehn Hektar, die mit bis zu zwei Meter hohem Maschendrahtzaun eingegrenzt war. Als die Anlage geschlossen wurde, blieb der Zaun stehen.

Todesfalle für Wildtiere

Seither rostet er vor sich hin und hat, den Skelettteilen nach zu beurteilen, schon einige Tiere das Leben gekostet. Zudem versperrte er diesen den Zugang zu einem Bach. «Ich habe die Anlage 2019 zufällig entdeckt und sah, dass es viele Tierknochen gab. Ich sagte mir, dass etwas getan werden muss», erklärt Christophe Clément, ein kürzlich pensionierter jurassischer Naturliebhaber. Gemeinsam mit Alain Delaunay begann er, das Drahtgeflecht zu entfernen. Gut 1,9 Tonnen schafften sie.

Eine Gemeinschaftsaktion

Für den Rest wandten sie sich an Mountain Wilderness Frankreich. Unsere französischen Partner organisieren schon seit 20 Jahren verlassene Anlagen in den Bergen. Gemeinsam mit der Gemeinde Prémanon und dem regionalen Naturpark Haut Jura wurden 60 Freiwillige für eine gemeinsame Rückbau-Aktion mobilisiert. Ein Drittel davon Einheimische, zwei Drittel aus ganz Frankreich plus zwei Vertretende von Mountain Wilderness Schweiz.

Die Arbeit im steilen Gelände war anstrengend: Bäume und Büsche haben sich im Laufe der Jahre um den Zaun geschlungen und mussten vor der Demontage getrimmt, gekürzt und sogar ausgegraben werden. Dann musste das ganze Material zur Sammelstelle geschleppt werden, wo der Schrotthändler es schliesslich abholte.

Nach zwei Tagen, viel Schweiss und vielen Kratzer waren die Freiwilligen glücklich: Sie hatten über 4 Tonnen Drahtgeflecht und Pfosten abgebaut (zusätzlich zu den 1,9 Tonnen, die bereits demontiert wurden) und somit 7 Kilometer Zaun vom Berg entfernt.

Wieder mehr Tiere unterwegs

Was nun? Die lokalen Initianten haben schon vor einem Jahr, als sie mit dem Rückbau begonnen haben, Fotofallen aufgestellt. Diese zeigen: Es sind wieder mehr Wildtiere im Gelände unterwegs! Das Monitoring wird weitergeführt.

Maren Kern, Geschäftsleiterin von Mountain Wilderness Schweiz, hat mitgeholfen. Ihr Fazit: «Eine super Aktion. Die gemeinsame körperliche Arbeit schweisst zusammen und der wachsende Altmetallhaufen macht mächtig stolz. Auch in der Schweiz gibt es stillgelegte Anlagen bereit für den Rückbau!»

Weiterführende Links:

Website mit Inventar von stillgelegter Infrastruktur in den Bergen Installations obsolètes
Artikel Voix du Jura
TV-Reportage France 3

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news-720 Tue, 01 Jun 2021 10:19:00 +0200 Die digitale Eroberung der Berge /aktuell/detail/die-digitale-eroberung-der-berge/ Die Digitalisierung hat längst Einzug gehalten unter den Berggängerinnen und -gängern. Beschränkt sie eigenverantwortliches Handeln und unsere Fähigkeit zur Risikoeinschätzung? Bedroht die digitale Datenflut am Ende gar die Wildnis? Die Tour ist auf einer online Karte geplant, im Gebirge führt das GPS, die Gipfelbesteigung registriert das virtuelle Gipfelbuch, die Fotos präsentiert Instagram: Die Digitalisierung hat längst Einzug gehalten unter den Berggängerinnen und -gängern. Sie verspricht Vereinfachung und Effizienzgewinn. Aber beschränkt sie nicht eigenverantwortliches Handeln und unsere Fähigkeit zur Risikoeinschätzung? Oder bedroht die digitale Datenflut am Ende gar die Wildnis?

Darüber haben wir mit zwei Personen gesprochen, die sich auskennen: Julia Wunsch ist Social Media Consultant, Fotografin und Outdoor-Liebhaberin. Rund 7'500 Personen folgen ihr auf Instagram. Marco Volken ist Bergfotograf, Autor von Bergbüchern und alpinen Führern und ein erfahrener Alpinist. Ein Smartphone besitzt er erst seit wenigen Monaten.

Mountain Wilderness: Wie geht ihr bei eurer Tourenplanung vor? Nutzt ihr noch Papier?

Julia: Ich besitze tatsächlich von fast allen Gebieten Karten, so richtig offline (lacht). Diese lege ich am Boden aus für den Blick auf das grosse Ganze. Zudem nutze ich Schweiz Mobil, um Touren zu zeichnen, für Skitouren White Risk. Dann lade ich meist einen GPX-Track auf meine Uhr fürs Navigieren unterwegs, auf Tour nutze ich oft auch die Swisstopo App, wenn ich spontan einen alternativen Weg suchen möchte. Google Earth nutze ich, um abgelegene Zeltplätze vorab auszukundschaften.

Marco: Es hängt von der Disziplin ab. Für Skitouren reicht in der Regel die online Karte mit den Hangneigungen und Schutzgebieten. Den Rest kann ich mir ausdenken, ich brauche keine eingezeichneten Routen. Für alpines Wandern, erst recht beim Klettern und Hochtouren, bin ich auf ausführlichere Informationen angewiesen. Diese bekomme ich von Leuten, welche die Tour schon gemacht haben, aus Büchern und Führern oder auch mal aus dem Internet.

Und welche Hilfsmittel nutzt du für die Orientierung unterwegs, Marco?

Marco: Mir gefallen die gedruckten Karten. Sie sind ein Kulturgut und ästhetisch. Ich glaube, dass durch die Nutzung der Papierkarte der Orientierungssinn fit bleibt. Alle Sinne sind offen, man muss mehr denken. Die digitalen Hilfsmittel zum Navigieren sind vergleichbar mit Wanderstöcken. Wenn man sie immer nutzt, kann das Gleichgewichtsgefühl verloren gehen.

Und, Julia, stimmt das?

Julia: (lacht) Ja und nein. Zum Teil stimme ich Marco zu. Man kann sich im Gelände nicht blind auf digitale Hilfsmittel wie die GPS-Tracks verlassen. Diese sind eine Ergänzung, kein Ersatz. Karten und Gelände lesen muss man trotzdem können!

Marco: Die meisten Menschen, die ich auf Touren sehe, haben nicht ständig ein Smartphone in der Hand. Sie navigieren mit ihren Augen. Man muss auch unterscheiden zwischen gross- und kleinräumiger Orientierung. Wenn man auf unmarkierten Routen im dichten Nebel steckt, sind Geräte mit GPS-Tracks unbestritten sehr hilfreich. Aber im Kleinräumigen, in einer Kletterroute, sind GPS-Tracks sinnlos und auf einer Hochtour geht man dort, wo z.B. Trittschnee liegt. Wenn man auf einem Gletscher dem GPS folgt, landet man garantiert in einer Gletscherspalte.

Nehmen wir an, die Tour ist erfolgreich verlaufen: Wie nehmt ihr eure Verantwortung bei der Publikation eurer Touren wahr? Einzelne Orte in den Bergen werden nach Social Media Posts regelrecht überrannt.

Julia: Wir führen viele Gespräche unter Fotografinnen und Fotografen darüber. Ich habe für mich entschieden, dass ich den Ort nur nenne, wenn er schon bekannt ist. Ansonsten nenne ich ihn nicht. Viele Leute fragen auf meine Posts «Wow, wo ist das?», aber ich gebe den Ort nicht preis, denn ich möchte nicht, dass er überrannt wird. Auch lösche ich Kommentare unter meinen Beiträgen, die den Ort nennen. Wer unbedingt herausfinden möchte, wo das ist, muss selbst ein bisschen Recherchearbeit leisten – so wie ich das im Vorfeld auch mache. Zudem leiste ich Aufklärungsarbeit, indem ich in Posts z.B. über Wildruhezonen oder über die Regeln für den Einsatz von Drohnen informiere und auch mal bei anderen kommentiere, wenn ich z.B. ein Campingvideo aus einem Jagdbanngebiet sehe.

Marco, gibt es das auch in deinen Büchern, dass du den Ort nicht preisgibst?

Marco: Ja, ja, das gibt es. Es gibt Gebiete, von denen ich persönlich finde, dass sie fragil sind und nur ganz wenige Menschen vertragen. Solche publiziere ich nicht. Grundsätzlich lebe ich aber von der Veröffentlichung von Sachen, die man noch nicht kennt. Meine Überlegung ist es, Leuten, die das Naturerlebnis suchen, andere Tipps als den überlaufenen Oeschinensee zu bieten und sie damit sogar von Fern- bzw. Flugreisen abzuhalten. Wenn man etwas kennt und schätzt, ist man auch eher bereit, es zu schützen. Wer noch nie im einem Tessiner Seitental war, findet es nicht so schlimm, wenn dort eine Staumauer gebaut wird. Aber wer ein paar Mal dort war, weiss, wie wertvoll solche wilden Orte sind.

Verändern denn Social Media den Umgang mit der Natur?

Julia: Aus meiner Sicht schon. Es gibt positive und negative Aspekte: Die Leute kommen mehr raus, entdecken wunderschöne Orte bei uns, die sie dadurch – wie Marco bereits gesagt hat – schützen wollen. Andererseits gibt es mehr «Turnschuhtouristen», die kaum ein Bewusstsein für die Natur haben und zum Beispiel Abfall liegen lassen, bis hin zu ganzen Zelten.

Marco: Obwohl es im Netz mehr Beschreibungen von ganz unterschiedlichen Touren gibt, konzentrieren sich trotzdem noch mehr Leute an denselben Orten. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Leute im Sommer in der Greinaebene rumlaufen – das hat nicht mehr viel mit Naturerlebnis zu tun. Aber ein Tal weiter hat man seine Ruhe… Kennst du Orte, die wesentlich einsamer waren, bevor sie auf Social Media gepusht wurden?

Julia: Ruhiger, aber nicht gerade einsam war es zum Beispiel rund um das Augstmatthorn, bevor der Ort auf Social Media explosionsartig verbreitet wurde. Auch der Lago di Saoseo oder Lej da Staz wurden geradezu überrannt nach Instagram-Posts.

Diesen Massenauflauf an bestimmten Orten, gab es den nicht schon vor Social Media?

Marco: Ich glaube, dass es einfach Orte gibt, die anziehen. Man redet schon seit 150 Jahren von «Modetouren». Die Trends sind heute einfach extremer als früher: Sie tauchen schnell auf und «boomen», flachen dann aber genauso schnell wieder ab.

Julia: Ich beobachte, dass sich das Zielpublikum erweitert hat. Durch Social Media haben auch jüngere Menschen Lust auf Touren in den Bergen bekommen. Ich weiss zum Beispiel von einigen Personen, die vorher viel Zeit mit Gamen oder Netflix verbracht haben und durch Social Media mit dem «Outdoorvirus» angesteckt wurden. Früher waren es die Eltern, die einen zum Wandern animieren wollten. Bei mir war es mein Mami, und ich fand die ewigen Wanderungen eher langweilig. Heute begeistern Wandern, Campen und die Abenteuer, die man so erleben kann, auch jüngere Generationen.

Marco: Ich denke, nur die Eintrittstüre ist eine andere. Ich stelle nicht fest, dass es heute mehr Junge gibt in den Bergen als früher.

Wo seht ihr denn sonst Vorteile der Digitalisierung?

Marco: Dass Karten online gratis verfügbar sind, ist schon mal ein sozialer Fortschritt, denn nicht alle können sich einen Satz Karten und Führer leisten. Das hat auch Einfluss auf die Sicherheit: Die online-Karten sind aktuell, früher sind die Leute oft mit 20 bis 30 Jahre alten Karten herumgelaufen.

Julia: Für mich ist einer der grössten Vorteile, dass man sich einfacher mit Gleichgesinnten vernetzen und Leute kennenlernen kann, die dieselbe Passion teilen.

Also seht ihr kaum kritische Punkte in der Digitalisierung?

Marco: Die Infos in einem Buch sind gut kuratiert und es gibt neben dem Autor noch einen Verlag, der bürgt. Im Internet findet man zum Beispiel Zeitangaben zwischen drei und zwölf Stunden für die gleiche Tour. Bei einem Buch weiss man zudem klar, wie alt es ist, während das Internet Aktualität vorgaukelt, die nicht immer gegeben ist. Es hat viel Schrott im Netz.

Julia: Eine Gefahr der Digitalisierung ist, dass die Wichtigkeit der realen Erfahrung unterschätzt wird. Bei Skitouren zum Beispiel musst du einfach viel gehen, um zu lernen, Situationen und den Schnee richtig zu beurteilen. Das kann nie vollständig durch ein Online-Assessment der Gefahr oder andere Tools ersetzt werden.

Wir denken darüber nach, unsere Wildnis-Karte der Schweiz digital breit zugänglich zu machen. Seht ihr hier Risiken?

Julia: Es kommt drauf an, wo die Orte liegen. Je anstrengender es ist hinzukommen, desto weniger Leute nehmen den Weg auf sich. Ansonsten sähe ich durchaus ein Gefahrenpotenzial – nach dem Motto: «Geil, da ist es wild, da will ich hin». Es ist aber natürlich auch eine Frage der Kommunikation: Wie wird das Thema dargestellt und wie viele Menschen hören überhaupt davon.

Marco: Für mich ist die Publikation der Wildnis-Karte kein Risiko, weil sie keine Geheimnisse enthält. Die Resultate sind ziemlich erwartbar. Die Karte könnte mithelfen, die Diskussion in der Öffentlichkeit zu fördern.

Julia: Für Leute, die sich noch nicht so mit dem Thema auseinandergesetzt haben wie du, Marco, birgt die Karte schon Neues. Diese denken nicht in Wildnis-Kategorien.

Zurzeit beschäftigen uns die digitalen Gipfelbücher. Wir finden diese heikel, insbesondere der Fall der Graubündner Kantonalbank (GKB), die anlässlich ihres 150. Jubiläums auf ebenso vielen Berggipfeln im Bündnerland Metallstelen installiert hat. Zum Teil auf wilden Gipfeln. Wie beurteilt ihr das?

Marco: Es gibt eine ganze Reihe von Möblierung in den Alpen. Einige davon, wie Gipfelkreuze und Gebetsfahnen, haben eine kulturelle Tradition und sind den Menschen wichtig. Wenn es um rein kommerzielle Interessen geht wie im Falle der GKB, bin ich nicht zimperlich: Wenn ich auf einem Gipfel etwas finde, das dort nicht hingehört, nehme ich das mit und entsorge es im Tal. Vollständig digitale Gipfelbücher, ohne Installation vor Ort, finde ich eine gute Sache.

Julia: Ich sehe das ähnlich. Für Werbezwecke befürworte ich das nicht. Ausserdem brauchen die digitalen Gipfelbücher auch Ressourcen und Speicherplatz, das muss man bedenken. Es laden dann sicher viele noch zusätzlich zig Fotos hoch, anstatt in einem Buch in einer kleinen Ecke seinen Namen einzutragen.  Mir gefallen ausserdem die alten klassischen Gipfelbücher. Ein Eintrag ist für mich eine Tradition, und ich finde es auch einfach schön, darin zu lesen.

Julia Wunsch – Die Digitale

Julia wurde in den 80ern in Köln geboren und ist seit 2007 in der Schweiz zuhause. Ihre grössten Passionen sind Fotografie und Storytelling. Sie ist begeistert von Geschichten und Erlebnissen rund um «the outdoors» und auch von der Frage, wie das Leben nachhaltiger und umweltverträglicher gestaltet werden kann. Seit dem Ende ihres Studiums an der Universität Zürich ist Julia im Bereich Social Media Marketing tätig. Sie ist Mitgründerin der Swiss Mountain Girls und Teilzeit-Selbstständige im Bereich Social Media Consulting & Content Creation.

juliawunsch.ch

Marco Volken – Der Analoge

Marco ist 1965 als Oberwalliser in Mailand geboren, im Tessin aufgewachsen und lebt heute in Zürich. Er ist freier Fotograf und Autor mit Schwerpunkt Landschaft, Natur und Bergsport. Meist ist er in den Alpen anzutreffen, in der Schweiz und in angrenzenden Bergregionen. Marco gehörte vor bald 30 Jahren zu den Gründungsmitgliedern von Mountain Wilderness Schweiz. Er hat zahlreiche Bildbände, Führer und Sachbücher verfasst. In seinem neusten Buch «Urtümliche Bergtäler der Schweiz» porträtiert er Bergtäler, die reich an Natur- und Kulturschätzen sind.

marcovolken.ch

 

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news-722 Thu, 20 May 2021 17:04:20 +0200 Ja zum CO2-Gesetz – Ja zu Effizienz und Suffizienz /aktuell/detail/ja-zum-co2-gesetz-ja-zu-effizienz-und-suffizienz/ Die Alpen sind ein Frühwarnsystem des Klimawandels und überdurchschnittlich stark von der globalen Erwärmung betroffen. Wir setzen uns ein für eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe und bieten Dienstleistungen an für die Reduktion des persönlichen Klima-Fussabdrucks. Der Klimaschutz seit jeher ein impliziter Teil der Arbeit von Mountain Wilderness Schweiz. Wir fokussieren auf den praktischen Klimaschutz und unterstützen politische Kampagnen, die unsere Grundsätze fördern.

Weniger ist mehr

Mit der Freizeitmobilität als Hauptverursacherin des CO2-Fussabdrucks im Bergsport, liegt ein Schwerpunkt unserer Projekte auf der klimaschonenden An- und Abreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Motorisierte Bergsportarten wie Heliskiing oder Offroad-Fahrten lehnen wir grundsätzlich ab und Flugreisen zu Zwecken des Bergsports betrachten wir kritisch.

Mit Projekten wie dem Alpin-Flohmi und gezielter Öffentlichkeitsarbeit fördern wir suffiziente Konsummuster und setzen uns für CO2-neutrale Herstellungs- und Recyclingprozesse ein. Wir setzen uns dafür ein, dass Klimaschutz nicht auf Kosten des Landschaftsschutzes erfolgt. Anstelle von steigendem Energieverbrauch und wachsender Infrastruktur plädieren wir für Effizienz und Suffizienz. Die Stromproduktion mittels erneuerbarer Energiequellen soll möglichst lokal und umweltverträglich erfolgen.

Wir sagen Ja am 13. Juni

Neben dem praktischen Klimaschutz unterstützen wir politische Kampagnen, die unsere Grundsätze fördern. Das CO2-Gesetz ist eine wichtige Grundlage für die Reduktion der CO2-Emissionen unserer Gesellschaft. Mit Massnahmen wie dem Klimafonds trägt es ausserdem zu mehr Klimagerechtigkeit bei – auch zwischen Berg und Tal. Als Alpenschutzorganisation, Mitglied der Klima-Allianz und des Vereins Klimaschutz Schweiz stimmt Mountain Wilderness Schweiz am 13. Juni für das CO2-Gesetz.

Weiterführende Links:

Unsere Position zum Klimaschutz
Kampagne Die Alpen brauchen Klimaschutz
Kampagne Klimaschutz JA!

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news-718 Tue, 11 May 2021 14:58:45 +0200 Die Herausforderungen 2020 mit Bravour gemeistert /aktuell/detail/die-herausforderungen-2020-mit-bravour-gemeistert/ Ein positiver Jahresabschluss, der Ausblick auf spannende und relevante Projekte und anregende Diskussionen zum Klimaschutz liessen die diesjährige Generalversammlung zu einem rundum gelungenen Abend werden. Auch wenn die Durchführung nie stressfrei ist (spielt die Technik mit?), hat das digitale Format der GV eindeutig positive Aspekte: Die Teilnahme ist einfach, was dieses Jahr am 6. Mai bis zu 50 Personen vor den Bildschirm gelockt hat. Wir durften auch Mitglieder und Interessierte aus Nachbarländern begrüssen. Die aktiven Beiträge und Fragen der Teilnehmenden haben gezeigt, dass das Format durchaus geeignet ist für eine basisdemokratische Mitwirkung.

Finanzen erfolgreich saniert

Im offiziellen Teil wurden alle Anträge ohne Gegenstimmen und Enthaltungen genehmigt und der Vorstand in globo wiedergewählt. Dazu beigetragen hat sicherlich auch die Jahresrechnung 2020, die trotz vielen Herausforderungen erfreulich ausgefallen ist. Mountain Wilderness Schweiz schloss das vergangene Geschäftsjahr mit einem Plus von 1'440 Franken ab und konnte Fonds von insgesamt 50'000 Franken bilden. Anregende Fragen stellten Teilnehmende zum neuen Vereins-Leitbild. Anhand der Inputs werden Vorstand und Geschäftsstelle die Formulierung nun erneut diskutieren.

Klimaschutz auf Kosten von Natur und Landschaft?

In seinem Input-Referat nahm Dominik Siegrist die Teilnehmende mit auf eine Wanderung durch die Wildnis der Trift und erläuterte die Herausforderungen einer Energiezukunft «für das Klima und mit der Landschaft». Die anschliessenden Gruppendiskussionen dienen Mountain Wilderness als Anhaltspunkt, ob und wie der Verein sich im Klimaschutz stärker positionieren und das Thema Natur- und Landschaftsschutz bzw. Wildnis einbringen soll.

«Für mich war dies eine der besten Generalversammlungen – inklusive positiver Budgetaussicht – in meiner MW-Zeit», resümierte das langjährige Vorstandsmitglied Pascal Stern den Abend.

Weiterführende Links

Jahresrückblick 2020

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news-716 Sun, 18 Apr 2021 12:00:19 +0200 Stop Heliskiing – jetzt erst recht: Kleinst-Demo auf dem Wildhorn /aktuell/detail/stop-heliskiing-jetzt-erst-recht-kleinst-demo-auf-dem-wildhorn/ Während im Kanton Uri coronabedingt die Lifte stillstehen, fliegt man im Wallis Skitouristen auf die Berge. In Zeiten von Klimawandel und Pandemie ist das inakzeptabler denn je. Mountain Wilderness setzte am Wildhorn ein Zeichen und empfing die Helis nach einer Nacht im Biwak auf dem Gipfel. Gerade erst wurde die Skisaison im Kanton Uri aufgrund erhöhter Infektionszahlen vorzeitig beendet. Während dort der «normale» Skispass vorbei ist, frönt anderorts ungehindert der elitärsten Spielart des Sports, dem Heliskiing. Eine Gruppe Aktivisten von Mountain Wilderness Schweiz biwakierte in der Nacht vom 16. auf den 17. April am Gipfel des Wildhorns (3’248 m), um eine Kleinst-Demo gegen das Heliskiing durchzuführen.

Inakzeptabler Motorenspass in wenig berührter Gebirgslandschaft

Am Wildhorn, direkt am Rand einer der wertvollsten Landschaften der Schweiz, Gälte-Iffigen, liegt einer der 40 Schweizer Gebirgslandeplätze und damit ein hochfrequentierter Heliskiing-Hotspot. Die Gebirgslandschaft Gälte-Iffigen gehört zum Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler (BLN). Genau in solchen Landschaften liegen die meisten Schweizer Gebirgslandeplätze, welche pro Jahr ca. 15'000 touristische Flugbewegungen verzeichnen – die meisten davon für Heliskiing.

1’000 Personen per Helikopter auf das Wildhorn

Allein auf den Gebirgslandeplatz Wildhorn wurden 2019 per Helikopter 944 Personen geflogen. Davon über 70% (687 Personen) zwischen April und Juni, mit einem grossen Anteil Heliskitouristen. «Mit den Flügen geht eine erhebliche Lärmbelastung einher, welche die Fauna sowie andere Erholungssuchende beeinträchtigt und den BLN-Schutzzielen widerspricht», so Maren Kern, Geschäftsleiterin von Mountain Wilderness Schweiz. Helikopter zählen darüber hinaus zu den umweltschädlichsten und Transportmitteln überhaupt: Das Verhältnis von Emissionen zur Anzahl Transportierter ist in Zeiten der Klimakrise inakzeptabel. Heliskiing ist und bleibt der Spass weniger, auf Kosten aller.

Weiterführende Links

Medienmitteilung vom 18.4.2021
Projektseite

 

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Stop Heliskiing
news-714 Tue, 16 Mar 2021 16:42:24 +0100 «Wildnis nicht nur in Gedanken, sondern auf der Fläche zulassen» /aktuell/detail/wildnis-nicht-nur-in-gedanken-sondern-auf-der-flaeche-zulassen/ Die Initiative «Wildnis in Deutschland» vertritt erfolgreich und prominent die Interessen der Wildnis. Manuel Schweiger hat als Wildnis-Referent bei der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt die Initiative aufgebaut. Im Gespräch mit dem Forum Wildnis Schweiz verrät er, wie er das geschafft hat. Die Initiative «Wildnis in Deutschland» vertritt erfolgreich und prominent die Interessen der Wildnis. Manuel Schweiger hat als Wildnis-Referent bei der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt die Initiative aufgebaut. Im Gespräch mit dem Forum Wildnis Schweiz verrät er unter anderem, wie er das geschafft hat.

Forum Wildnis Schweiz: Unter dem Namen Initiative «Wildnis in Deutschland» setzen sich 20 Naturschutzorganisationen mit einer gemeinsamen Stimme für Wildnis ein. Wie hast du das geschafft?

M. Schweiger: (Lacht) Dass sich so viele Organisationen zusammengefunden haben zeigt, wie hoch die Wertschätzung für das Thema ist und wie wichtig das Anliegen ist, wieder mehr Wildnis zu schaffen. Wildnis bewegt offenbar die Menschen. Das kann auch mal zum Negativen sein, wenn man an Proteste gegen konkrete Schutzgebiete denkt. Aber in unseren Naturschutz affinen Kreisen hat es sehr geholfen, aus den Ansprechpartnern der deutschen Naturschutzorganisationen eine Gruppe zusammenzubringen, die wirklich aktiv vorangeht und andere mitzieht.

Ihr vereint in erster Linie Naturschutzorganisationen. Das Forum Wildnis Schweiz ist viel breiter aufgestellt. Wie habt ihr euch für diesen Fokus entschieden?

Die Gruppe ist aus einem bestehenden Netzwerk von Naturschutzorganisationen entstanden – das ist der entscheidende Grund. Dieses Netzwerk hat auch schon vorher politische Arbeit betrieben und hat sich dann quasi um den Bereich Wildnis erweitert. Weil das so erfolgreich war und noch weitere Partner hinzugekommen sind, hat man die Initiative «Wildnis in Deutschland» ausgekoppelt. Deswegen stand es gar nicht zur Debatte, als Partnerorganisationen auch wissenschaftliche Organisationen oder Privatpersonen aufzunehmen. Wir kooperieren jedoch sehr eng mit Forschungseinrichtungen, auch mit Behörden.

Ihr habt durchaus auch eine breitere Öffentlichkeit, die sich für das Thema interessiert.

Das Interesse in der breiten Öffentlichkeit ist da, doch sie ist nicht unsere primäre Zielgruppe. Für uns ist es wichtiger, Entscheidungsträger vom Wildnisansatz zu überzeugen. Solche, die zum Beispiel über die Nutzung von Flächen entscheiden. Wenn, dann ist die breite Öffentlichkeit für uns wichtig, um Druck auf Entscheidungstragende auszuüben. Wir überlegen uns jeweils ganz gezielt, was wir ändern möchten, wer das ändern kann und wie wir diese Personen dazu bringen, dies zu ändern. Die breite Öffentlichkeit ist immer der letzte Weg – es ist unglaublich aufwendig, Aufmerksamkeit zu bekommen. Das kostet viel Geld und Personal; und daran fehlt es ja meist im Naturschutz.

Daher spricht eure Plattform «Sagt es laut» gezielt zivilgesellschaftliche Initiativen an.

Das Engagement der Menschen vor Ort für die Natur ist ungemein wertvoll und glaubwürdig. Nur haben sie meist wenig Chancen gegen die viel einflussreicheren wirtschaftlichen Interessen in der Region. Ich habe deshalb lokale Bürgerinitiativen beraten, die sich gegründet haben, um sich für Schutzgebiete in ihrer Region einzusetzen. Es gibt Fehler, die solche Initiativen immer wieder machen, beispielsweise dass sie sich an den Gegnern abmühen und diese überzeugen wollen, anstatt sich auf potenzielle Unterstützende zu fokussieren.

Du hast jetzt ein paar Mal von «wir» gesprochen. Wie arbeitet ihr denn zusammen bei der Initiative?

Wir treffen uns alle zwei, drei Monate und besprechen aktuelle Themen. Ganz wichtig ist hier der Erfahrungsaustausch zwischen den Stiftungen, die sich um Wildnisgebiete kümmern. Je nach dem bilden wir auch kleinere Untergruppen für spezifische Fachfragen oder politische Arbeit. Das Ergebnis wird in der grossen Gruppe vorgeschlagen, diskutiert und abgesegnet. Braucht es einen Beschluss auf höherer Verbandsebene, sind wir über andere Gremien gut verknüpft und können so Themen schneller auf die Entscheidungsebene hieven. Es ziehen alle am selben Strang. Uns hilft dabei unser gemeinsames Verständnis von Wildnis und unsere 11 Positionen zu Wildnis. Die sind für uns gesetzt.

Ihr habt das Ziel von 2 Prozent Wildnis, ihr habt den Wildnisfonds – man bekommt das Gefühl, dass eure Initiative behördlich und politisch breit abgestützt ist. Würdest du das auch so unterschreiben?

Ja, zumindest im Naturschutz auf Bundesebene: Vom Bundesumweltministerium erfahren wir eine sehr gute Unterstützung. Vom Bundeslandwirtschaftsministerium, das auch den Bereich Forsten unter sich hat, wird offen gegen Wildnisentwicklungen gearbeitet. Auf Landesebene ist es ganz unterschiedlich. Da kann sich die Lage je nach politischer Konstellation schnell drehen.

Wie schaffen wir diese Unterstützung durch die Behörden auch in der Schweiz?

Ihr habt einen breiteren fachlichen Diskurs. Wir haben ganz schnell versucht, diesen abzuschliessen – was für uns Wildnisgebiete sind, was der Weg ist – und uns bald darauf fokussiert, Wildnis nicht nur in Gedanken, sondern auf der Fläche zuzulassen. Wir hatten auch ein bisschen Glück, dass Leute an bestimmten Positionen waren, die fürs Thema zugänglich waren. Wir waren für die Behörden und Entscheidungsträger aber auch immer ein verlässlicher Partner. Wir haben uns an Absprachen gehalten, schnell reagiert und mit einer Stimme gesprochen. Das kam gut an. Dadurch sind gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung gewachsen, von dem beide Seiten profitieren. Das ist sicherlich einmalig – auch im deutschen Naturschutz.

Ihr habt im Dezember die «Agenda für Wildnis» lanciert. Sie soll unter anderem «die notwendige Debatte für mehr Wildnis anregen». Was läuft da gerade?

Wir haben dieses Jahr voraussichtlich vier Landtagswahlen und eine Bundestagswahl in Deutschland. Wir zeigen in unserer Agenda ganz konkret auf, an welchen Stellschrauben man auch in anderen Ressorts drehen muss, um in der Fläche mehr Wildnis zu erreichen. Diese handfesten Forderungen versuchen wir auf den verschiedenen Ebenen in die Wahlprozesse einzubringen, damit wir am Ende des Jahres auch politische Beschlüsse dazu haben. Gerade werden Wahlprogramme von den Parteien geschrieben, die sich gerne daran bedienen dürfen – ebenso bei den darauffolgenden Koalitionsverhandlungen. Umso konkreter unsere Vorschläge sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie auch aufgegriffen werden. Vor allem, wenn sie von 20 Verbänden gleichzeitig gefordert werden.

Noch etwas Aktuelles: In der Schweiz gehen wegen der Pandemie mehr Menschen raus in die Natur, was sie auf der einen Seite für die Bedeutung von Naherholungsgebieten sensibilisiert. Auf der anderen Seite steigt der Druck auf die Natur. Wie ist die Situation bei euch?

Es ist im Prinzip genauso. Für die Schutzgebietsverwaltungen entstehen dadurch zum Teil grosse Herausforderungen, wie das hohe Besucheraufkommen so gelenkt werden kann, dass die Natur nicht darunter leidet. Vom Prinzip her ist es sehr erfreulich, dass die Menschen wieder mehr in die Natur gehen – das ist eine Riesenchance! Man muss die Aufmerksamkeit, welche die Schutzgebiete gerade erfahren, entsprechend nutzen und lenken; damit daraus etwas Positives entsteht; damit aus der Sensibilisierung eine Wertschätzung wird. Letztlich zeigt der Besucherdruck ja eines: Die Nationalparks und Schutzgebiete, die wir haben, sind nicht genug. Wir brauchen mehr!

Hast du noch einen Wunsch oder ein Anliegen, die du dem Forum Wildnis Schweiz mit auf den Weg geben möchtest?

Es ist toll zu sehen, dass auch bei euch eine Saat aufgeht. Ich durfte von Anfang an ein bisschen dabei sein und sehen, wie es sich entwickelt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Ihr nehmt einen etwas anderen Weg als wir. Und das muss so sein, weil bei euch die Verhältnisse andere sind. Ihr seid auf jeden Fall breiter aufgestellt. Das kann euch noch helfen. Mein Wunsch ist, dass wir weiterhin in diesem offenen Austausch bleiben und voneinander lernen und uns unterstützen. Nicht nur in der Natur ist eine Vernetzung wichtig.

Dieses Gespräch wurde erstmals im Jahresrückblick 2020 des Forum Wildnis Schweiz publiziert.

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Wildnis
news-712 Thu, 04 Feb 2021 17:08:48 +0100 Chancengleichheit am Berg – ein steiler Weg? /aktuell/detail/chancengleichheit-am-berg-ein-steiler-weg/ Diese Tage feiern wir 50 Jahre Frauenstimmrecht. Stimmt im Jahr 2021 der Zugang der Frauen zum Berg? Am Sonntag, 7. Februar 2021 jährt sich die Annahme des Frauenstimmrechts zum 50. Mal. Nicht nur das Stimmrecht, sondern auch der Zugang zum Schweizer Alpen-Club wurde den Frauen in der Schweiz erschreckend spät gewährt.

Erst seit 1980 sind Frauen im Schweizer Alpen-Club mit dabei und bis heute ist die Luft für ambitionierte Schweizer Bergsteigerinnen dünn. Im Individualsport sind Frauen stark am Aufholen – besonders reine Frauengruppen sind immer öfters auf alpinen Unternehmungen unterwegs. Unter den aktiven BergführerInnen sind sie hingegen immer noch in der Minderheit: 1’300 BergführerInnen arbeiten hierzulande und nur rund 35 davon sind Frauen. Sehr erfreulich ist jedoch, dass mit Rita Christen ganz frisch eine Frau an der Spitze des Schweizer Bergführerverbandes steht. Auch bei Mountainwilderness Schweiz führt eine Frauenseilschaft: Sina Schneider als Präsidentin mit der Geschäftsleiterin Maren Kern.

Unser Filmtipp:

Ein Film über Alpinismus – und über Mut, Wut und Gipfelglück

In «Frauen am Berg | The Steep Way Up» begleitet Caroline Fink eine Bergführerin – und zwei, die davon träumen, Bergführerinnen zu werden.
Mit dem Stichwort «Mountain Wilderness» kann die DVD für CHF 16.– statt 20.– per Mail bestellt werden.

www.caroline-fink.ch/frauen-am-berg

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news-710 Tue, 12 Jan 2021 12:10:45 +0100 How to #keepwild in winter /aktuell/detail/how-to-keepwild-in-winter/ Tourenski und Schneeschuhe verkaufen sich diesen Winter wie warme Weggli. Wir zeigen in unserer neuen Video-Serie, wie sich Wintertouren umweltverträglich gestalten lassen und auch die Berggebiete einen Nutzen davon haben. Ein erholsamer Ausflug in die verschneiten Berge abseits von Bergbahnen und Pistenrummel ist das helvetische Rezept gegen den Corona-Koller. Es zieht auch viele «Neulinge» in das Weiss abseits der Piste. Mit unser Video-Serie «How to #keepwild in winter» zeigen wir, was es braucht für ein Miteinander von Mensch, Tier und Umwelt.

Die vier Filme widmen sich der ökologischen Anreise (mit speziellen Wintertipps), der wildtierfreundlichen Tourenplanung, der Unterstützung von Berggebieten sowie Nachhaltigkeit beim Ski-Kauf. Mit je vier simplen, wirkungsvollen Tipps wollen wir für umweltverträglichen Bergsport sensibilisieren.

Medienmitteilung vom 12. Januar 2021
Zur Video-Serie auf YouTube
Zur Projektseite
Zum CIPRA-Podcast Tipps für umweltfreundliche Skitouren

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Bergsport
news-708 Tue, 08 Dec 2020 08:08:17 +0100 Umweltschädliche Ski? Unsere Recherche zeigt Mängel der Ski-Industrie auf /aktuell/detail/umweltschaedliche-ski-unsere-recherche-zeigt-maengel-der-ski-industrie-auf/ Alles fährt Ski – und keiner weiss, wie sich die Produktion unseres liebsten Wintersportgeräts auf die Umwelt auswirkt. Diesem Umstand haben wir mit einer Recherche Abhilfe geschaffen. Alles fährt Ski – und keiner weiss, wie sich die Produktion unseres liebsten Wintersportgeräts auf die Umwelt auswirkt. Diesem Umstand haben wir mit einer Recherche Abhilfe geschaffen. Ermöglicht hat dies die Unterstützung von Spenderinnen und Spendern. Herzlichen Dank!

Das Resultat ist ein ausführlicher Bericht in drei Sprachen. Er beinhaltet eine Studie zum Vergleich der Umweltauswirkungen eines konventionell hergestellten mit denjenigen eines «ökologischen» Skis und eine Umfrage zu Nachhaltigkeitsaspekten bei 21 Ski-Marken. Wir zeigen auf, was eine umweltfreundliche Produktion ausmacht und was jede und jeder dazu beitragen kann, um die Industrie zu beeinflussen und den eigenen Fussabdruck zu minimieren.

Online lesen: Was steckt im Ski und wer dahinter
Zur Projektseite: mountainwilderness.ch/ski-recherche
Podcast von Oikocredit mit Tim Marklowski: Ski – Bretter für die Ewigkeit?

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Bergsport
news-706 Thu, 19 Nov 2020 15:15:17 +0100 Lieber kein Windrad, wo’s wild ist /aktuell/detail/lieber-kein-windrad-wos-wild-ist/ Den Menschen scheint nicht egal zu sein, in welcher Landschaft eine Windenergie-Anlage gebaut wird. Eine Studie der Uni Bern zeigt: Die Akzeptanz von potenziellen Windenergie-Anlagen ist in Gebieten mit hoher Wildnisqualität geringer als in solchen mit tieferer Wildnisqualität. Den Menschen scheint nicht egal zu sein, in welcher Landschaft eine Windenergie-Anlage gebaut wird. Eine Studie der Uni Bern zeigt: Die Akzeptanz von potenziellen Windenergie-Anlagen ist in Gebieten mit hoher Wildnisqualität geringer als in solchen mit tieferer Wildnisqualität. Die Befragten sind also kritischer, wenn eine Anlage in wildem Gelände gebaut werden soll als wenn das Gebiet bereits stark menschlich überprägt ist. Erneuerbare Energieinfrastruktur wie Windenergie-Anlagen oder Staudämme sind immer wieder in Gebieten mit hohem Wildnischarakter geplant. Dies führt oft zu einem Zielkonflikt zwischen nachhaltiger Stromproduktion und dem Erhalt der letzten unberührten Gebiete der Schweiz.

Um genauer zu verstehen, ob sich die Akzeptanz der lokalen Bevölkerung mit dem Wildnisgrad eines Gebietes verändert, hat Mountain Wilderness Schweiz eine Forschungsarbeit ausgeschrieben und fachlich mitbetreut. Die Gruppe Studierender der Uni Bern, von Psychologie bis BWL reichend, hat 1200 Fragebögen zufällig in den Gemeinden Belp, Adelboden, Seftigen, Aeschi und Thun verteilt. Sie haben die Akzeptanz der beiden Windenergie-Prüfräume Belpberg und Elsighore-Loner (beide Kanton Bern) verglichen. Die Prüfenden haben die inter- und transdisziplinäre Projektarbeit Nachhaltige Entwicklung diesen Herbst mit der Bestnote ausgezeichnet.

Zur Studie

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Wildnis Publikationen
news-704 Thu, 24 Sep 2020 14:43:00 +0200 Dritter Alpin-Flohmi, erstmals in Luzern /aktuell/detail/dritter-alpin-flohmi-erstmals-in-luzern/ Nachhaltige Produktion ist zum Verkaufsargument in der Outdoorbranche geworden. Dabei wird gerne vergessen: Das umweltfreundlichste Produkt ist dasjenige, welches gar nicht hergestellt wird. Die «Alpin-Flohmi»-Veranstaltungsreihe 2020 ist am 23. September in Luzern gestartet. Der Konsum immer neuer Produkte trägt in beträchtlichem Masse zu den Umweltproblemen unserer Zeit bei. Mit den den Alpin-Flohmis schaffen wir Anreize für bewussten Ausrüstungskonsum.

Nach erfolgreichen Anlässen im Pilotjahr 2019 konnten wir am 23. September zusammen mit der Public Eye Regionalgruppe Luzern (und dank durchdachtem Corona-Konzept) den ersten Alpin-Flohmi in Luzern durchführen. Gut 300 Personen folgten unserer Einladung ins Luzerner Kulturzentrum Neubad, um durch bewussten Kauf von Berg-Ausrüstung aus zweiter Hand Ressourcen zu schonen. Die Maskenpflicht tat einem gelungenen Abend mit regem Austausch zu Mountain Wilderness-Themen keinen Abbruch.

Das SRF war zu Besuch: Artikel und Radio-Reportage

Mehr Infos
Unsere Position zum Thema Ausrüstung
Clean Clothes Campain von Public Eye

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Bergsport
news-702 Thu, 13 Aug 2020 13:08:22 +0200 Alpenfeuer am Bantiger: Erholung vor der eigenen Haustüre statt Grossprojekte in den Alpen /aktuell/detail/alpenfeuer-am-bantiger-erholung-vor-der-eigenen-haustuere-statt-grossprojekte-in-den-alpen/ Das diesjährige «Feuer in den Alpen» war ein «Feuer mit Blick auf die Alpen»: Die Teilnehmenden haben am Berner Hausberg Bantiger bekräftigt, wie wichtig wilde Naherholungsgebiete vor der Haustüre sind. Das diesjährige «Feuer in den Alpen» der Alpenschutzorganisationen CIPRA Schweiz, Mountain Wilderness Schweiz und Stiftung Landschaftsschutz vom 8. August war ein «Feuer mit Blick auf die Alpen»: Die Teilnehmenden haben am Berner Hausberg Bantiger bekräftigt, wie wichtig wilde Naherholungsgebiete vor der Haustüre sind. Und: Dass der auf Fernmärkte ausgerichtete Massentourismus mit seinen zerstörerischen Grossprojekten ausgedient hat.

Ein sanfter Tourismus im Mittelland schützt die Umwelt

Der Ort für das «Feuer mit Blick auf die Alpen» war provokativ gewählt: Der Bantiger liegt nur sieben Kilometer vom Zentrum von Bern entfernt; kein Feuer in alpiner Höhe und fernab der grossen Zentren. Der Hügelzug mit seinen wilden Sandsteinformationen verkörpert jedoch, was vielen während des Lockdowns noch stärker bewusst geworden ist: Wir brauchen Erholungsgebiete im nächsten Wohnumfeld! Einige Teilnehmende sind zum ersten Mal über die verwachsene Krete bis zum berühmten Sendemasten gewandert und waren fasziniert, wie nahe das Wilde liegen kann. Wenn wir uns vor der eigenen Haustüre erholen können, verreisen wir weniger oft. Dies wirkt sich positiv auf die Umweltbilanz aus, denn 80% der CO2-Emmissionen im Tourismus gehen zu Lasten der Anreise. Gleichzeitig werden dadurch die hochfrequentierten Tourismusorte sowie die letzten wilden Räume in den Voralpen und Alpen entlastet. Dies bedeutet nicht, dass die Naherholungsgebiete des Mittellandes einem Halli-Galli-Tourismus geopfert werden sollen. «Wir möchten den Menschen zeigen, wie sie sich achtsam und naturverträglich draussen bewegen können», erklärte Sebastian Moos von Mountain Wilderness Schweiz anlässlich seiner Rede am diesjährigen «Feuer in den Alpen».

Touristische Grossprojekte haben ausgedient

Franziska Grossenbacher (Stiftung Landschaftsschutz) und Patrik Schönenberger (CIPRA Schweiz) haben mit ihren Ansprachen bekräftigt: Ein Umdenken ist dringend nötig! Tourismusdestinationen, die ihre kostspielige Infrastruktur mit einer möglichst hohen Besucherfrequenz amortisieren müssen, leiden am meisten unter der Corona-Pandemie und der Klima-Krise. Die Förderung von touristischen Grossprojekten, welche Natur und Landschaft zerstören, ist nicht zeitgemäss. Es kann heute nicht mehr darum gehen, immer mehr Leute immer schneller in und auf die Berge zu bringen. Ein weiteres quantitatives Wachstum mit Blick auf die Fernmärkte ist nicht zukunftsfähig und zerstört letztlich die Grundlagen eines erfolgreichen, qualitativ hochstehenden Tourismus.

Hintergrund

Jeweils am zweiten August-Wochenende brennen die «Feuer in den Alpen». Seit 32 Jahren treffen sich Aktive bei den traditionellen Höhenfeuern im gesamten Alpenraum von Slowenien bis in die Schweiz. Die solidarischen Feuer setzen ein eindrückliches Zeichen für die Erhaltung des natürlichen und kulturellen Erbes des Alpenraums. Dieses Jahr mahnten sie an den Schutz von Räumen hoher Natur- und Landschaftsqualität vor zerstörerischen Grossprojekten und an die Bedeutung der Naherholung. Mehr Informationen auf www.feuerindenalpen.ch

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Veranstaltungen
news-700 Mon, 10 Aug 2020 11:10:35 +0200 Alpe Devero: Naturpark oder Ski-Halligalli? /aktuell/detail/alpe-devero-naturpark-oder-ski-halligalli/ Alpe Devero im Visier von Grossinvestoren: An der Grenze des Naturparks Veglia-Devero ist ein touristisches Grossprojekt geplant. Mountain Wilderness Schweiz und eine Wandergruppe von WeitWandern besuchten den Schauplatz, angeführt von Mitgliedern der lokalen Widerstandsgruppe «Comitato Tutela Devero». Die Gründung des Naturparks Veglia-Devero hat die spekulativen Ziele von Investoren lange Zeit eingedämmt. Jetzt ist das Gebiet, das in den gesamten Alpen durch seine Einzigartigkeit und seinen Erhaltungszustand hervorsticht, von einem gigantischen Bauvorhaben bedroht. Das Comitato Tutela Devero und Mountain Wilderness wehren sich gegen das intransparente Bauvorhaben, das tiefe Spuren in der alpinen Landschaft hinterlassen würde.

Die Alpe Devero liegt in einer wunderbaren alpinen Umgebung: Schroffe Felswände und sanfte Hochebenen, lockere Lärchenwälder und glasklare Bergbäche ziehen Touristen aus Italien, der Schweiz und benachbarten Ländern an. Gäste, welche die Urtümlichkeit und Einzigartigkeit der Alpe Devero schätzen. Mit der Idylle könnte es bald vorbei sein. Eine Unternehmergruppe will am Rande des Naturparks das Skigebiet in Richtung Monte Teggiolo erweitern und mit dem Tourismusort San Domenico verbinden.

Ruinöser Rüstungswettlauf

Ein neues Seilbahnsystem mit 6er-Sesseln, Bergstationen mit Aussichtsplattformen aus Beton, Speicherseen für Beschneiungsanlagen, neue Ski- und Schlittenpisten, Bars und Hotels. Für den Sommer zusätzliche MTB-Pisten und Zip-Lines: Total 50 neue Bauten und mit einem Investitionsvolumen von 173 Millionen Euro, davon 130 Millionen aus privater Hand. Wie in vielen anderen Skigebieten locken auch hier die Investoren mit den üblichen Klischees eines Entwicklungsmodells, das sich längst in einer tiefen Krise befindet. «In den Köpfen vieler Menschen stecken noch die Bilder der glorreichen Zeiten des Wintertourismus in den 70er Jahren», so Andrea Ratti vom Comitato Tutela Devero.

Etabliertes Schutzgebiet entwertet

Das an den Naturpark Veglia-Devero angrenzende Gebiet wird durch den 2017 genehmigten regionalen Landschaftsplan geschützt und von der Europäischen Union als eines der «besonderen Schutzgebiete» anerkannt, die für den Lebensraum und die seltene Tierwelt von grossem Interesse sind. Das Projekt würde die Landschaft, Stille und Artenvielfalt dauerhaft schädigen.

Geteilte Meinungen und lokaler Widerstand

Ein Teil der lokalen Bevölkerung befürwortet das Projekt und ist fasziniert vom Geldquell, der dank «privaten Investoren» bald sprudeln soll. Viele freuen sich auch auf eine neue Seilbahn von Coglio nach Devero, die als «nachhaltige Mobilität» verkauft wird, weil damit Autofahrten zur Alpe Devero vermieden werden könnten. Gegen das Projekt kämpft das «Comitato Tutela Devero», ins Leben gerufen von Mountain Wilderness Italien, Legambiente, Italia Nostra, Cipra und Salviamo i Paesaggio Valdossola und einige Hoteliers. Sie alle sind überzeugt, dass das Projekt nur einigen wenigen Akteuren Vorteile bring, dafür aber die Natur und dem sanften Tourismus  irreparabel und dauerhaft schädigt. Das Komitee hat deshalb eine Petition lanciert und geht mit Einsprachen rechtlich gegen das Projekt vor.

Undurchsichtige Grossinvestition in Schnee von gestern

Das Komitee fordert zudem Transparenz in Bezug auf die Kreditgeber: Woher kommen die Millionen und wer sind die letztendlichen Nutzniesser der Investition? Der Hauptinvestor, «San Domenico Ski srl», ist im Besitz einer Schweizer Firma, deren Hintermänner anonym bleiben. Auch verlangt das Komitee eine plausible Darstellung der wirtschaftlichen Prognosen. Vergleicht man die von «Avvicinare le Montagne» deklarierten Zahlen mit real existierenden Skigebieten, ist klar: die Investitionskosten sind frühestens in 50 Jahren wieder eingespielt, selbst wenn man von sehr optimistischen Prognosen ausgeht. Ganz zu schweigen von den klimatischen Veränderungen; denn in wenigen Jahrzehnten wird der klassische Wintertourismus in der Höhenstufe der Alpe Devero sprichwörtlich Schnee von gestern sein.

Weiterführende Links:

Mountain Wilderness Italien: Informationen zum Projekt
Zur Petition: Salviamo l'Alpe Devero!

 

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Alpenschutz
news-698 Thu, 09 Jul 2020 17:40:21 +0200 How to #keepwild /aktuell/detail/how-to-keepwild/ Berge geniessen ohne Spuren zu hinterlassen – das ist möglich. In einer 6-teiligen Video-Serie zeigen wir, was es braucht für ein Miteinander von Mensch, Tier und Umwelt. Ein respektvoller und umweltverträglicher Aufenthalt in den Bergen beginnt bei der Anreise, geht über das Eintauchen in die regionalen Eigenheiten bis hin zur Ausübung der Sportarten mit Rücksicht auf die Natur. In der Video-Serie How to #keepwild geben wir je vier simple aber wirkungsvolle Tipps zu den Themen: Anreise, Umgang mit Fäkalien, nachhaltiges Hüttenerlebnis, Schutzgebiete & Wildtiere, Abfall und Bergsportausrüstung.

Episoden  
#1    Nachhaltige Anreise. Vier Tipps zu umweltverträglichem Freizeitverkehr.
#2 Umgang mit Fäkalien. Vier Tipps für das Geschäft in freier Natur.
#3   Nachhaltiges Hüttenerlebnis. Vier Tipps für die Wahl der Unterkunft.
#4  Schutzgebiete & Wildtiere. Vier Tipps, um Störungen von Wildtieren zu minimieren.
#5 Abfall in der Natur. Vier Tipps für saubere Berge.
#6   Bergsportausrüstung. Vier Tipps, die Anschaffung nachhaltiger zu gestalten.

Medienmitteilung vom 16. Juli 2020

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news-696 Thu, 25 Jun 2020 13:22:57 +0200 Mensch Fels Falke: Rücksichtsvoll klettern /aktuell/detail/mensch-fels-falke-ruecksichtsvoll-klettern/ Ob überhängend, zerklüftet, rau oder glatt: Kletterbegeisterte lockt es wieder an den Fels. Dieser ist Kletterparadies und einzigartiges Biotop zu gleich. «Mensch Fels Falke» zeigt auf, wie Klettern und Naturschutz koexistieren können. Die Broschüre ist neu auch auf Französisch erhältlich. Draussen klettern ist für viele etwas vom Schönsten überhaupt. Indem wir uns mit Verstand und Respekt in der Natur bewegen tragen wir viel dazu bei, diese wunderschönen Natursporterlebnisse auch in Zukunft noch geniessen zu können.

Felsen sind wichtige Rückzugsgebiete für Pflanzen und Tiere. Besonders in tieferen Lagen wie dem Jura oder teilweise auch den Voralpen sind sie aufgrund ihrer Unzugänglichkeit während langer Zeit vom Menschen weitgehend unberührt geblieben. Gewisse Arten haben sich ganz auf diese spezielle Umgebung eingestellt und kommen daher nur dort vor. Ein Feuer unter einem Überhang kann eine ganze Fledermauskolonie vernichten. Wenn beim Putzen Mauerpfeffer ausgerissen wird, verliert der stark gefährdete Apollofalter seine Lebensgrundlage. Es braucht ein Bewusstsein für den vielschichtigen Lebensraum, den man mit Gstältli und Finken erklimmt.

Mensch Fels Falke

Die Broschüre «Mensch Fels Falke» richtet sich primär an Ausbildende. Sie vermittelt Wissen rund um den Lebensraum Fels und liefert Informationen zu Schutzgebieten und zur rechtlichen Situation rund um den Klettersport. Ausserdem zeigt sie auf, wie Kursteilnehmende auf spielerische Weise für das Thema sensibilisiert werden können. Die Broschüre wurde herausgegeben von Mountain Wilderness Schweiz, dem Schweizer Alpen-Club SAC, der IG Klettern Basel Jura und Kletterwelt. Sie kann hier bestellt werden. Neu ist sie auch auf Französisch erhältlich.

Eine Kurzform für Kletternde mit Informationen zum Lebensraum Fels und den wichtigsten Verhaltensregeln steht gratis als Leporello zur Verfügung.

Selbstverantwortung statt Verbote

Folgende Massnahmen können dazu beitragen, Kletterverbote hinfällig zu machen und behördliches Eingreifen zu minimieren:

  • Routen mit Umlenkungen versehen, um die Felskopf-Flora zu schonen.
  • Bei bestehenden Klettergebieten Zustieg durch Wegbau und-unterhalt kanalisieren (wird oft durch SAC-Sektionen und Klettervereine gemacht).
  • Kletternde für Verhaltensregeln sensibilisieren.
  • Mit Anwohnenden und Grundbesitzenden sprechen und gemeinsam Lösungen erarbeiten, vor allem bei Neuerschliessungen.
  • Routen, in welchen Vogelbruten festgestellt werden, selektiv und saisonal für den Klettersport sperren (z. B. in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Vogelwarte Sempach). 
  • Auf die Erschliessung von Felsen verzichten, wenn sie für den Klettersport weniger interessant oder aus naturschutzfachlicher Sicht bedeutsam sind.
  • Nur putzen, was wirklich nötig ist. Das Ausreissen geschützter oder gefährdeter Pflanzen ist tabu!

Weiterführende Links:

Projektseite «Mensch Fels Falke»
Position «Umweltverträgliches Klettern»

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Bergsport
news-694 Tue, 09 Jun 2020 15:38:08 +0200 In memoriam Bernhard Batschelet (1951 – 2020) /aktuell/detail/in-memoriam-bernhard-batschelet-1951-2020/ Traurig nehmen wir den überraschenden Tod von Bernhard Batschelet zur Kenntnis. Er prägte Mountain Wilderness Schweiz in den Anfangsjahren in vielerlei Hinsicht. Mit seiner Beharrlichkeit, seinem unaufhörlichen Engagement, seiner immensen Lust scheinbar Festgerücktes verändern zu wollen, setzte er sich wegweisend für die Bergwildnis im In- und Ausland ein. Traurig nehmen wir den überraschenden Tod von Bernhard Batschelet zur Kenntnis. Er prägte Mountain Wilderness Schweiz in den Anfangsjahren in vielerlei Hinsicht. Mit seiner Beharrlichkeit, seinem unaufhörlichen Engagement, seiner immensen Lust scheinbar Festgerücktes verändern zu wollen, setzte er sich wegweisend für die Bergwildnis im In- und Ausland ein.

Ausdauernd sowohl in den Bergen wie auch mit seinen Ideen und Plänen 

Wenn Bernhard etwas tat, dann voller Enthusiasmus, Ideenreichtum und Konsequenz. Auch für die Berge. Als einer der ersten SAC-Umweltbeauftragten engagierte er sich in der Sektion Basel für Umweltschutz und unverfälschte Berge. Doch das reichte ihm nicht. Er wollte eine Alternative zum SAC. Darum verwundert es nicht, dass er sich mit der aufkommenden alternativen Bergsteigerszene verband und am 16. Januar 1994 nach Brig reiste, um bei der Gründung von Mountain Wilderness Schweiz dabei zu sein. Er war anschliessend als Vorstandsmitglied tätig und übernahm 1996 das Präsidium, ein Amt das er bis ins Jahr 2004 inne hatte.

Bernhard, der aus dem Basler Daig stammte, hatte viele Gesichter. Er war Musiker und Fasnächtler. Bei Mountain Wilderness aber war er Umweltaktivist. Einmal setzte er sich im Rahmen der Kampagne «Stopp dem Schrott» mit Demonstrationen dafür ein, dass das Militär die Berge von Munitionsrückständen säuberte. Dann wieder überzeugte er seine Kontakte in Basel von unseren Projekten, was zu langjährigen Förderpartnerschaften führte. Und er war der Kollege und Freund, mit dem man gerne einen langen Abend verbrachte. Die Diskussionen waren spannend, anregend und angeregt, immer auch gewürzt mit einer Prise bissig-herbem Basler Witz.

Immer sah er sich als Vordenker. Bei Mountain Wilderness war er es für eine intakte Bergwildnis und einen respektvollen Bergsport. Umweltverträgliche An- und Abreise, ökologisch betriebene Berghütten, alpine Architektur waren nur einige seiner Themen. Er liebte es, seine Ideen mit Feuer und Überzeugung zu diskutieren, immer und überall. Am liebsten direkt vor Ort und in den Bergen, etwa auf der Bec de Bosson-Hütte im Val d’Hérens, als der Neubau geplant wurde, oder bei der Verleihung des Prix Wilderness auf der Cabane d’Arpittetaz. Oft eckten seine Ideen an, bevor sie zum Allgemeingut wurden. Ein Beispiel ist die temporäre Sperrung von Klettergebieten im Basler Jura, damit gefährdete Vogelarten in Ruhe brüten können.

Die höchsten Berge

Und dann war da auch der Mont-Blanc, der Bernhard faszinierte und nicht losliess. Bernhard brachte Mountain Wilderness Schweiz und die Basler Bergsteigerszene dazu, sich dem Schutz des Mont-Blanc zu widmen. Aufbauend auf die Arbeiten von Mountain Wilderness International entwarf er eine Kampagne für den höchsten Berg der Alpen, dem Symbol für den Alpinismus schlechthin. Auch das war Bernhard. Er scheute nicht vor grossen Aufgaben zurück. Im Gegenteil, sie schienen ihn zu beflügeln.

So kam es, dass er 1996 und 1998 bei mehrtägigen internationalen Touren mit mehreren Dutzend Teilnehmenden rund um den Mont-Blanc aktiv mitwirkte und dabei die damaligen Nationalrätinnen Pia Holenstein und Rudolf Strahm auf den Gipfel des Mont-Blanc führte. Und es war nur logisch, dass er nach Ende des Projekts «Modellregion Göschenen», das in den 1990-er Jahren durch Mountain Wilderness initialisiert worden war, einen ähnlichen Plan für die Schweizer Seite des Mont-Blanc mitgestaltete, den er mit je einer Erkundungswoche 2002 in La Fouly und im Jahr darauf in Les Marécottes startete.

Sehr am Herzen lag ihm auch das Wohl der Dachorganisation Mountain Wilderness International. Obwohl mehr Künstler als Manager, versuchte er beharrlich und über Jahre effiziente, klare Strukturen zu schaffen. Zu seinen weiteren Herzensangelegenheiten auf der internationalen Ebene gehörte auch sein Engagement für den Kaukasus in Georgien. Zusammen mit Mountain Wilderness Deutschland legte er dort Grundsteine für einen sanften Tourismus, unter anderem mit einer Aufräumaktion am Kasbek.

Musiker, Gletscherzelter 

Von seiner Musik und seinem Fieber für die Basler Fasnacht bekamen wir von Mountain Wilderness nur wenig mit. Umso schöner war für mich persönlich die Uraufführung seines Oratoriums im brechend vollen Basler Münster, seine spontane Teilnahme an einem Theaterstück für meinen Geburtstag und seine Platten-Geschenke mit jubilierenden Flöte-Orgel Duos von Bach und mit seinen mannigfachen Basler Fasnacht-Innovationen.

Was ihn mit uns allen von Mountain Wilderness aber verband, das waren die Berge. Hatte er Zeit, so zog es ihn bis unter die Gipfel und am liebsten auf die eiskalten Gletscher, wo er mehrere Tage hintereinander biwakierte.

Die letzten Jahre lebte Bernhard auf Bali, Nähe Ubud, mitten in den Reisfeldern in einem selber entworfenen und gebauten Gehöft. «Die Welt scheint lokal und global ein bisschen aus den Angeln geworfen zu sein. Umso mehr müssen wir unser engeres persönliches Umfeld mit Fantasie und Ernsthaftigkeit stärken, denke ich. Gelassen sein ist schwierig», schrieb er vor gut einem Jahr und unterzeichnete mit Bali-Bernhard. Im Februar 2020 kam er wie immer für die Fasnacht nach Basel zurück. Aufgrund der Corona-Pandemie konnte sie dieses Jahr nicht stattfinden und Bernhard war es nicht möglich, auf sein Bali zurückzukehren. Am 19. Mai 2020 ist Bernhards Herz stillgestanden und er ist in seiner Basler Wohnung von dieser Welt gegangen.

Barbara Ehringhaus, Präsidentin ProMONT-BLANC und ehemaliges Vorstandsmitglied Mountain Wilderness Schweiz

Im Juni 2020

 

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news-690 Thu, 28 May 2020 11:42:07 +0200 «Wir zeigen, dass es Platz für Wildnis braucht» /aktuell/detail/wir-zeigen-dass-es-platz-fuer-wildnis-braucht/ Gute Neuigkeiten für Wildnis: Pro Natura macht mit der Kampagne «Wildnis – mehr Freiraum für die Natur!» auf die Bedeutung naturnaher Landschaften aufmerksam. Ein Interview mit Pro Natura-Kampagnenleiter Jan Gürke. Gute Neuigkeiten für Wildnis: Ab Sommer macht Pro Natura mit ihrer Kampagne «Wildnis – mehr Freiraum für die Natur!» auf die Bedeutung naturnaher Landschaften aufmerksam. Gemeinsam mit Mountain Wilderness Schweiz wird die Stimme für Wildnis lauter. Ein Interview mit Pro Natura-Kampagnenleiter Jan Gürke.

Mountain Wilderness: Über das Thema Wildnis wird in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Auch bei Pro Natura-Sektionen herrscht zum Teil der Naturschutz, welcher einen gewissen Status konservieren oder bestimmte Arten schützen möchte, vor. Wie schafft ihr diesen Spagat, und wie ist es gelungen, das Thema Wildnis stärker zu positionieren?

Jan Gürke: Wir haben uns im Pro Natura Zentralsekretariat lange und intensiv mit dem Thema Wildnis auseinandergesetzt und schlussendlich die Entscheidungsgremien überzeugt – steter Tropfen höhlt den Stein! Die Zusammensetzung des Pro Natura-Vorstands hat sich in den letzten Jahren geändert, das kann auch die Einstellung gegenüber Wildnis beeinflusst haben. Generell haben verschiedene Strömungen des Naturschutzes schon immer ihren Platz bei Pro Natura; zum Teil natürlich diskussionsbehaftet, vor allem, wenn es um konkrete Flächen geht. Wir wollen nicht das eine gegen das andere ausspielen. Es geht darum zu zeigen, dass es neben konservierendem Naturschutz auch Platz für Wildnis und freie Naturentwicklung braucht, bei der wir nicht genau wissen, was passieren wird. Ich sehe es von daher nicht als Spagat, sondern als Sowohl-als-auch.

Hat die Wildnis-Kampagne der letzten Jahre von Mountain Wilderness das Ganze auch etwas beeinflusst?

Dass Mountain Wilderness dem Thema in der Fachwelt und der Öffentlichkeit wieder mehr Sichtbarkeit verleiht, hat es erleichtert, Wildnis bei Pro Natura als Kampagnenthema zu etablieren. Ich sehe es als grosse Chance, mit vielen verschiedenen Partnern zusammenzuspannen und im Dienste der Sache gute Projekte zu realisieren. Das Engagement von Mountain Wilderness schätze ich sehr!

Du hast selbst bei Mountain Wilderness als Projektleiter gearbeitet. Kannst du mit dieser Kampagne zu deinen Wurzeln zurückkehren?

Einerseits würde ich sagen: Ja, klar! Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Wildnis und freue mich sehr, dass ich dieses Thema wieder zum Hauptinhalt meiner Arbeit machen kann. Auf der anderen Seite ist «zu den Wurzeln zurückkehren» der falsche Ausdruck. Vielmehr geht es darum, dass ich meine Begeisterung wieder zu meinem Arbeitsschwerpunkt machen kann. Es ist ein Thema, mit dem ich mich aus privatem Interesse die ganze Zeit über befasst habe. Ich bin nach wie vor gerne draussen unterwegs, am liebsten in der Wildnis.

Du hast es angesprochen: Als Natursportler bist du gerne in der Wildnis. Draussen unterwegs zu sein, ist immer eine ambivalente Sache. Wie lassen sich aus deiner Sicht Natursport und Wildnis vereinbaren?

Wildnisschutz ist heute in Mitteleuropa mit Verzicht behaftet; zum einen der Verzicht auf Erschliessungsprojekte, wenn man die grossen Vorhaben betrachtet, zum andern aber auch im Kleinen für jeden Einzelnen mit dem Verzicht auf Aktivitäten zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten. Es ist mir sehr wichtig, dass wir dies auch im Rahmen unserer Kampagne kommunizieren. Freizeitaktivitäten können ihr eigenes Kapital – nämlich Natur und Landschaft – bedrohen. Wir vermögen da sehr gut eine Vorreiterrolle zu spielen, indem wir uns informieren und diese Verhaltensregeln auch ernsthaft einhalten. Überall, zu jeder Zeit reinzugehen, führt ganz klar zu Problemen.

Hast du das Gefühl, diese Probleme haben mit dem Trend zu Natursport zugenommen?

Je mehr Leute draussen unterwegs sind, desto grösser ist auch der Druck auf die Natur. Wenn man im Winter den Skitouren- und Freeridesektor anschaut wird klar, dass regelmässig Hänge befahren und Berge bestiegen werden, die früher deutlich ruhiger waren. Das ist nur ein Beispiel, das sich im Sommer mit Wandern und Biken wiederholt, indem Gebiete regelmässig betreten und befahren werden, die vor 20 Jahren selten besucht wurden.

Ihr geht bei eurer Kampagne auch darauf ein?

Wir werden in der Kampagne auch auf Freizeitaktivitäten eingehen und haben eine Fachperson, die sich intensiv mit dem Thema befasst. Mit ihr bin ich sehr eng in Kontakt. Verzicht ist jedoch immer ein schwieriges Thema, gerade was die Kommunikation betrifft. Ich finde es allerdings spannend, mich damit auseinanderzusetzen, damit man nicht als Verhinderer dasteht, sondern für Wildnis begeistern kann. Ich bin überzeugt: Wir schützen etwas nur wirklich mit Herzblut, wenn wir es auch kennen. Wenn man nicht draussen sein und Natur erleben kann ist es unmöglich, voll dahinterzustehen. Diese Magie muss man gespürt haben. Dann ist man auch bereit einmal zurückzustecken, auf der anderen Seite des Berges abzufahren und ein Gebiet bewusst in Ruhe zu lassen. 

Wildruhezonen sind eine solche Thematik. Sie sind oft relativ wild, Bergsportverbände fürchten – teils verständlich – dass die Begehbarkeit eingeschränkt wird.

Freier Zugang und Schutzgebiete sind ein schwieriges Thema, welches man sehr situativ, je nach Gebiet und Saison, aushandeln sollte. Es gibt Gebiete wie den Schweizerischen Nationalpark, wo das Wegegebot aus meiner Sicht so bestehen muss. In einzelnen anderen Gegenden zeigt sich allerdings, dass Perimeter oder Schutzkonzept nicht optimal gewählt sind. Zum Beispiel sollten Wildruheund Jagdbanngebiete einerseits dem Wild einen geeigneten, störungsfreien Einstand bieten und andererseits die Nutzung dort einschränken, wo sie nicht total zentral für die Outdoorsportlerinnen und -sportler ist – dann werden diese Massnahmen in der Regel auch akzeptiert. Es gibt tolle Lösungen, hinter denen ich voll und ganz stehe; ich will nicht, dass die wilde Natur zum Freizeitspielplatz verkommt.

Du hast den Nationalpark angesprochen – ein Wildnisgebiet, dessen Begehbarkeit stark eingeschränkt ist. Ist das eine Vision für Wildnis in der Schweiz oder wie stellst du sie dir vor?

Generell sehe ich Wildnis oder wilde Räume überall in der Schweiz. Zum einen da, wo wir noch ursprüngliche Natur haben, in den Bergen. Diese müssen wir erhalten! Das sind die Bijous, die wir nicht opfern dürfen. Zum andern braucht es auch mehr Wildnis in den Voralpen, im Jura und im Mittelland. Diese Gebiete sind kleiner und ausserdem stärker vom Menschen beeinflusst. Sie sind eher Potenzialgebiete für Wildnis, wenn man sie überhaupt so nennen kann. Vielleicht bezeichnen wir sie besser als wilde Räume oder Gebiete mit freier Naturentwicklung. Zudem braucht es Miniaturwildnis als Anschauungsbeispiel, z.B. den Garten als Lernort, damit wir im direkten Lebensumfeld erfahren können, was passiert, wenn man die Natur in Ruhe lässt.

Brauchen wir weitere Nationalpärke?

Aus meiner Sicht hat es in der Schweiz Platz für weitere Nationalpärke. Ich finde es sehr schade, dass die beiden Projekte «Locarnese» und «Adula» nicht zustande gekommen sind. Ich hatte bei beiden das Gefühl, dass die Einschränkungen für den Menschen – sei es für die Lokalbevölkerung wie auch für Erholungssuchende aus den Städten – absolut vertretbar wären. Wir hätten für die Natur einen Gewinn im Sinne eines dauerhaften Schutzes sowie eine wirtschaftliche Chance für die Regionen gehabt. Meines Erachtens hat es noch genug Platz für Natursport im Raum zwischen erschlossenem Gebiet und Schutzgebiet. Ich akzeptiere in diesem Sinne, dass es in den Alpen auch erschlossene Gebiete mit Bahnen gibt. Meine persönliche Meinung ist, dass es in einer bereits erschlossenen Geländekammer auch zusätzliche Biketrails und Ähnliches geben darf – dann opfert man diese Geländekammer für den Tourismus. Das ist auch ein Bedürfnis der Gesellschaft. Die Geländekammer hinter dem nächsten Grat muss dafür wild sein. Sie kann unerschlossen und trotzdem frei begehbar sein. Und wieder hinter dem nächsten Grat kann ein Nationalpark liegen, wo ich nicht überall durchgehen darf.

Was waren für dich wichtige Themen, die unbedingt in die Kampagne rein mussten?

Wildnis ist kein rein naturwissenschaftliches Gebilde, sie schliesst den Menschen mit ein. Für mich müssen beide Aspekte in der Kampagne vertreten sein. Wir müssen Wildnis in den Köpfen der Menschen verankern und diese Begeisterung rüberbringen. «Von Bedrohung zu Faszination» würde ich es zusammenfassen. Ein zweiter Fokus ist ganz klar, mehr Flächen für dynamische Naturentwicklung in der Schweiz bereitzustellen, wo der Mensch nicht ständig darin herumfuhrwerkt, sondern die Finger davonlässt.

Hast du das Gefühl, dass ihr das schafft?

Wir allein können das nicht, aber vielleicht schaffen wir es zusammen mit Mountain Wilderness und einigen anderen Partnern. Wir werden auch nicht alle Visionen innerhalb von drei Jahren umsetzen können. Mein Ziel ist, dass wir im Laufe der drei Kampagnenjahre dem Thema Wildnis mehr Schub geben können. Die Pro Natura-Kampagne ist ein Baustein in dieser gesamten Entwicklung.

Zum Schluss noch die schwierigste Frage: Was ist eigentlich für dich Wildnis?

Für mich hat Wildnis sehr viel mit persönlichem Erlebnis draussen in der Natur zu tun. Es geht um Grenzerfahrungen; in Situationen, in denen ich das Gefühl habe, auf mich gestellt zu sein. Das muss nicht 1000 Kilometer von der nächsten Strasse weg sein. Meine Wildnis ist sehr abhängig von «ungezähmter» Umgebung, Saison und Wetter. Sie hat immer mit einer gewissen Abgeschiedenheit von der Zivilisation zu tun – was aber auch bei Sauwetter und Nebel, irgendwo in einem «Chrachen» in den Voralpen, stattfinden kann. Letztlich ist Wildnis für mich ein Gefühl – im Kopf und im Bauch.

Weiterführende Links

Wildnis-Studie von Mountain Wilderness Schweiz und der Eidg. Forschungsanstalt WSL
Pro Natura Kampagne «Wildnis – mehr Freiraum für die Natur!»

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Wildnis
news-688 Thu, 14 May 2020 16:43:00 +0200 Alpenvereine werden konsequent im Klimaschutz /aktuell/detail/alpenvereine-werden-konsequent-im-klimaschutz/ Alle reden über Klimaschutz. Im Vergleich zur Politik, tut sich auf der institutionellen Ebene des Bergsports in letzter Zeit so einiges, vor allem wenn man den Blick auf den grossen Kanton wirft. Aber auch der SAC hat bezüglich Klimaschutz ein vorläufiges Lob verdient. Bergsport- und Umweltschutz stehen sich oftmals entgegen, das ist ein alter Hut. Schon zu Zeiten des «Blüemli-Naturschutzes» war das so, denn welche Leute waren es nochmal, die begeistert Edelweiss um Edelweiss pflückten? Als Mountain Wilderness sind wir dennoch der Meinung, dass Bergsporttreibende (um es mal wieder mit Enzensberger zu sagen) das, was sie suchen, nicht unbedingt zerstören müssen, indem sie es finden. Es kommt auf das «Wie» an, wenn man uns fragt. Bezogen auf die Klimakrise sieht es eher danach aus, als würden wir zerstören, was wir suchen, in dem wir es suchen: mit dem Auto und dem Flugzeug und zu oft für zu kurz. Klimaschutz als relativ neue und dringende Dimension des Umweltschutzes, hielt schon vor Jahren Einzug in den Alpinen Vereinen, allen voran im grössten solchen, dem Deutschen Alpenverein (DAV). Jedoch auch im Schweizer Alpen-Club. Das Engagement umfasste vor allem Projekte zur Senkung des eigenen Fussabdrucks durch Verbesserung von Hütteninfrastruktur, der Schaffung von ÖV-Ergänzungsangeboten und Sensibilisierungsarbeit. Neu ist aber der Nachdruck und die klare politische Positionierung, ja Einmischung, auch wenn diese vielleicht nicht jedem Mitglied schmeckt, das doch lediglich Rabatt auf Hütten und ein günstiges Ausbildungsangebot möchte. 

Klare Linie statt kuschen

Bergsportvereine haben häufig das Problem, in Bezug auf ihre Mitglieder «everybody's darling» sein zu wollen. Das führt zu wenig pointierten Haltungen: Man versucht es allen recht zu machen, um ja niemanden zu vergraulen. Politisch führt das zu übertriebener Zurückhaltung oder Vorsicht. Man denke nur an das Thema Heliskiing und die beinahe Spaltung, die dem Schweizer Alpen-Club vor nicht allzu langer Zeit drohte, weil Walliser Sektionen nicht einer Meinung waren mit dem Rest der Schweiz. Man ging damals zugunsten der Einigkeit so manchen fragwürdigen Kompromiss ein. Natürlich wird es immer Interessenskonflikte geben, auch innerhalb von Interessensgemeinschaften. Nur fragt man sich, wo die Grenze des Diskutablen liegt und wo die Linie klar sein muss. Da wirkt es bei manchen Themen teilweise so, als würde der VCS noch mit seinen Mitgliedern diskutieren, ob nun ÖV oder Individualverkehr zu fördern sei, oder als ob die Vegane Gesellschaft Schweiz die vereinsinterne Diskussion «Gilt Schweinebraten noch als vegan?» eröffnet. Umso schöner ist es, wenn sich ein Alpenverein in Sachen Klimaschutz ohne Rücksicht auf (Mitglieder-)Verluste positioniert. Sollen die letzten unbelehrbaren Klimaskeptiker doch die Vereine verlassen, wenn es ihnen nicht passt.

DAV macht's vor

Der Klimawandel war auf der Hauptversammlung des DAV 2019 Thema Nummer Eins. Keine Selbstverständlichkeit für einen Bergsportverein, vor allem nicht für den grössten und vermutlich diversesten der Welt. Zur Erinnerung: der DAV ist mit mehr als 1,3 Millionen Mitgliedern in 358 Sektionen ein Koloss einer Personenvereinigung. Und trotzdem: auch politische Einmischung ist hier niemandem mehr peinlich. Zum einen wurde eine Resolution verabschiedet, die sich an die Politikerinnen und Politiker in Deutschland wendet und sie zu einer konsequenteren Klimapolitik auffordert. Wörtlich steht da: «Die Zeit des Zauderns ist vorbei, wir müssen handeln. Jetzt!» Zweitens hat der DAV eine Selbstverpflichtung zum Klimaschutz verabschiedet. Darin fordert er konkrete Massnahmen auf Bundes-, Landes- und Sektionenebene, und zwar im Hinblick insbesondere auf seine Infrastruktur und den Mobilitätsbereich. Drittens hat sich der DAV für eine Klimaschutzabgabe entschieden. Ab 2021 soll pro Vollmitglied und Jahr 1 Euro in einen Fonds fliessen, aus dem Klimaschutzprojekte in den Sektionen, Landesverbänden und im Bundesverband finanziert werden. Bei 1,3 Millionen Mitgliedern kommt hier nach Adam Riese einiges zusammen. Das man sich so klar positioniert und (potenziellen) Mitgliedern nicht um jeden Preis hinterherrennt, ist ein schönes Zeichen. 

SAC goes politics – finally!

Auch der SAC geht in eine ähnliche Richtung, wenngleich er noch eher am Anfang steht. Ungewöhnlich und angenehm politisch zeigt sich der Verband durch die Unterstützung der Gletscher-Initiative des Vereins «Klimaschutz Schweiz». Damit wird neben der Komponente «Eigenes Verhalten» auch die des politischen Engagements gestärkt. Passend zum Thema dieser Wildernews-Ausgabe verbuchen wir dies unter «Good News». Denn für tiefgreifende Veränderungen braucht es beide Komponenten. 

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Alpenschutz Bergsport
news-686 Wed, 29 Apr 2020 07:33:06 +0200 Virtuell und trotzdem virtuos: Die GV 2020 /aktuell/detail/virtuell-und-trotzdem-virtuos-die-gv-2020/ Ausserordentliche Situationen erfordern aussergewöhnliche Methoden: Die Generalversammlung von Mountain Wilderness Schweiz 2020 fand digital statt. Ausserordentliche Situationen erfordern aussergewöhnliche Methoden: Die Generalversammlung von Mountain Wilderness Schweiz fand auf Grund der Corona-Pandemie erstmals digital statt.  Die Premiere ist geglückt: Sowohl die Präsentation der Abstimmungs- und Wahlresultate sowie der anschliessende Vortrag «Into the wild» gingen ohne die gefürchteten technischen Probleme über die Bühne.

Für den reibungslosen Ablauf bedurfte es viel Vorbereitung und Teamarbeit. Während Präsidentin Sina Schneider souverän durch den offiziellen Teil führte, sorgten fleissige Helferinnen und Helfer im Hintergrund dafür, dass die Mitglieder den Weg in den digitalen Konferenzraum fanden und keine Fremde eindrangen. Der ominöse User Galaxy 304 konnte schnell als Vorstandmitglied Matthias-Martin Lübke identifiziert werden.

Stefan Wyss neu im Vorstand

Matthias-Martin Lübke, von allen MML genannt, tritt nach sieben Jahren Vorstandsarbeit zurück. Er bleibt Mountain Wilderness Schweiz als Berater insbesondere zu den Themen Energie und Mobilität erhalten. Als Nachfolger für Matthias-Martin Lübke wurde Stefan Wyss neu in den Vorstand gewählt. Wir freuen uns, mit ihm einen Fachmann für NPO-Management mit einem guten Netzwerk im Schweizer Sport an Bord zu haben.
Die restlichen sechs bisherigen Vorstandmitglieder wurden wiedergewählt und allen Anträgen stattgegeben. Die Wahlen und Abstimmungen haben im Vorfeld stattgefunden, an der Online-Konferenz wurden lediglich die Resultate vorgetragen. Anträge von Mitgliedern, die einer Diskussion und Abstimmung bedürfen, werden an der GV 2021 behandelt. 

Kurz vor 20 Uhr klingelte es ständig an der Tür zum digitalen Sitzungszimmer. Viele neue Gäste kamen für die öffentliche Präsentation «Into the Wild» dazu.

«Es gibt noch Wildnis in der Schweiz, ...

... ikonisch zeigt sie ihren Reiz». Sebastian Moos, unser Projektleiter Wildnis, läutete mit Lyrik und Bildern von Marco Volken den zweiten Teil des Abends ein. Danach übergab er das Wort an seine Partner von der Eidg. Forschungsanstalt WSL. Felix Kienast, Matteo Riva und Robin Burch näherten sich der Frage «Wie wild ist die Schweiz?» kartografisch an. Die neusten Ergebnisse der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen den Forschenden der WSL, Pro Natura und Mountain Wilderness Schweiz knüpfen an die im Jahr 2019 veröffentlichte Wildnis-Studie an. So liegen nun z.B. regionale Analysen der Wildnisqualität auf und Faktoren wie Gebirgslandeplätze, welche die Wildnis beeinträchtigen können, wurden lokalisiert. Eine Modellierung der Entwicklung der Wildnisqualität zeigt, wo in den Alpen seit 1985 eine Extensivierung und wo eine erhöhte Einflussnahme des Menschen erfolgte. Wer die spannende Präsentation verpasst hat, kann sich die Aufzeichnung anschauen.

Wir danken allen, die an der GV teilgenommen und zum Gelingen beigetragen haben und hoffen, 2021 wieder in persona mit euch anstossen zu können.

Weiterführende Links:

Wie wild ist die Schweiz? Aufzeichnung der Präsentation «Into the wild»

Jahresrückblick 2019

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news-684 Tue, 21 Apr 2020 11:48:41 +0200 Die Corona-Krise vom Berg aus betrachtet /aktuell/detail/die-corona-krise-vom-berg-aus-betrachtet/ Mit COVID-19 ist in den Bergen Ruhe eingekehrt. Auch in der Val Müstair, wo wir im letzten Sommer unser Pop-up-Büro aufgeschlagen haben. Yves Schwyzer, Stv. Geschäftsführer der Biosfera Val Müstair, beschreibt, wie er die Situation am südöstlichsten Zipfel der Schweiz erlebt. Heile Welt

Mein Arbeitsweg ist einer der schönsten der Welt. Mit dem Postauto fahre ich jeweils von meinem Wohnort im Unterengadin durch den Schweizerischen Nationalpark und über den Ofenpass ins Val Müstair, wo ich für den Regionalen Naturpark Biosfera Val Müstair arbeite. Momentan ist allerdings auch bei mir Homeoffice angesagt. Mit der aktuellen Situation haben wir uns recht gut arrangiert. Wir sind nicht von Kurzarbeit betroffen und geniessen einen Luxus, von dem viele unserer Freunde in der Stadt nur träumen können: Raum. Nicht nur im Sinn von Platz, sondern auch Aussicht, Garten, Wiesen, Felder und Wälder mit Wanderwegen direkt vor der Haustür. Aber es ist ruhig geworden in den Dörfern. Die Menschen vermissen ihre sozialen Treffpunkte und das kulturelle Leben, welches gerade in den Bergen so wichtig für das Gefühl des Miteinanders ist. Trotzdem geht es uns gut und die Leute im Dorf haben einen unaufgeregten Umgang mit der Situation. Zum Glück zieht sich der Schnee auf immer mehr Wanderwegen langsam zurück und beim Wandern, Biken oder Laufen ist der empfohlene Sicherheitsabstand ohne Probleme einzuhalten. Von überlaufenen Naherholungsgebieten oder zusätzlichem Druck auf die Natur, wie es in den stadtnahen Erholungsgebieten zu sein scheint, kann hier nicht die Rede sein. Zwar sind nach wie vor einzelne Tourengeherinnen und Tourengeher unterwegs, zugeparkte Strassen wie auf den Bildern vom Flüelapass, die kürzlich durch die Medien gingen, sind hier aber nicht zu finden. Die Wildruhezonen dürfen ohnehin bis Ende April nicht begangen werden und wo noch Schnee liegt stellt sich durch die momentanen eher hohen Temperaturen eine natürliche Besucherlenkung ein.

Oder eben doch nicht?

Den abrupten Saisonschluss stecken allerdings nicht alle so einfach weg. Bei vielen geht es ans Eingemachte, auch wenn sie das nicht so offen sagen. Die Region Unterengadin/Val Müstair ist geprägt vom Tourismus und viele Arbeitsstellen hängen auf die eine oder andere Weise vom Tourismus ab. Immerhin war die Wintersaison 2019/20 gut und nach Ostern hätte ohnehin die Zwischensaison begonnen. Trotzdem führt die fehlende Planungssicherheit dazu, dass Saisonstellen nicht oder noch nicht besetzt werden, Buchungen storniert oder für die Region wichtige Anlässe entweder verschoben oder abgesagt werden müssen. 

Wie überall brauchen die Menschen auch hier Arbeit, um weiterhin hier wohnen zu können. Neben dem Tourismus ist das Handwerk, die Verarbeitung von Lebensmitteln miteingeschlossen, ein weiterer wichtiger Pfeiler der lokalen Wirtschaft. Doch weniger Gäste heisst auch weniger Kunden für authentische Produkte aus dem Berggebiet. Auch aus diesem Grund engagieren wir uns beim Naturpark dafür, lokale Kreisläufe und Wertschöpfungsketten bei den Produzentinnen und Produzenten in der Region möglichst zu schliessen. Was früher selbstverständlich war, erweist sich gerade in Krisenzeiten als mögliches und modernes Zukunftsmodell. Das Internet bietet zudem neue Absatzkanäle für Produkte aus dem Berggebiet und für die Direktvermarktung.

Holt euch die Berge geschmacklich nach Hause

Mein Aufruf an alle, die in den Städten bereits mit den Fingern über die Landkarten rutschen, Touren Planen, Topos studieren, trainingshalber die Laufschuhe schnüren und in Gedanken bereits den Rucksack packen: Verschenkt doch online eine Nusstorte, besorgt euch schon mal einen Bio Salsiz und ein Stück naturparkzertifizieren Bergkäse aus oder kocht euch eine herzhafte Gerstensuppe. Holt euch die Berge zumindest geschmacklich schon einmal nachhause und übt euch in genussvoller Solidarität. Ich bin sicher, die Bevölkerung in den auch von euch so geliebten Bergen wird es euch danken. Und wir im Val Müstair, wir freuen uns auf euren Besuch!

Yves Schwyzer

 

Lesen Sie ausserdem:

«Ihr seid ja ganz sympathisch» – der Bericht über die Zeit des Mountain Wilderness Team im Pop-up Büro in der Val Müstair.

«Wie wild ist die Val Müstair wirklich?»

 

 

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news-682 Fri, 10 Apr 2020 09:03:57 +0200 Krisenhelfer – der Wert des Waldes in berglosen Zeiten /aktuell/detail/krisenhelfer-der-wert-des-waldes-in-berglosen-zeiten/ Der vernünftigere Teil der Bergsteigenden geht gerade nicht bergsteigen. Den Bergen tut das gut, der Druck auf Naherholungsgebiete steigt. Die siedlungsnahe Natur wird zur Retterin in der Not. Was wir an ihr und an den Bergen haben, merken wir gerade wie selten zuvor – und können vielleicht sogar etwas daraus lernen. Der vernünftigere Teil der Bergsteigenden geht gerade nicht bergsteigen. Den Bergen tut das gut, der Druck auf Naherholungsgebiete steigt. Die siedlungsnahe Natur wird zur Retterin in der Not. Was wir an ihr und an den Bergen haben, merken wir gerade wie selten zuvor – und können vielleicht sogar etwas daraus lernen. 

Die Corona-Krise hält einen Grossteil der Bergbegeisterten gerade davon ab, sich ins Gebirge zu begeben. Was uns schmerzt, lässt die Natur aufatmen und verschafft ihr eine Auszeit, wie es sie – zumindest in diesem Jahrhundert – noch nicht gegeben hat. Uns erreichen Berichte von nie gesehenen Gems-Versammlungen und von einer Stille, die nur durch das Gezwitscher der Vögel durchbrochen wird. Keine Motorräder, keine Jets am Himmel, kein Heli-Lärm, nicht einmal Stimmen. Quasi ein «Silent Spring», nur dass diesmal der Mensch verstummt. Über Phänomene wie die gestiegene Sichtbarkeit der ansonsten so scheuen respektive verdrängten Tierwelt, hört man aktuell von verschiedenen Seiten. Während in den Bergen so manches Huftier ungewohnt gelassen über die Hänge trottet, berichtet der Nationalpark Calanques über Delfine und selten gesehene Vögel in seinen Buchten. Viele der ikonischen Naturlandschaften mit ihren Besucherzentren und stets in einiger Distanz zu den Städten, erleben aktuell eine wohlverdiente Verschnaufpause. Wohlverdient, denn was wilde oder zumindest naturnahe Landschaften für uns leisten, zeigt sich in der Corona-Krise, wie nur selten. 

Verlassene Berge und therapeutische Wälder

Während die monumentalen Landschaften in diesen Tagen unbesucht bleiben, sind die Naherholungsgebiete voll wie nie. Wohin man schaut wird gerannt, spaziert, meditiert, geslacklinet und natürlich gebiket – all das natürlich mit Sicherheitsabstand. Was wären die Städte gerade, ohne diese siedlungsnahe «Wildnis», deren vielfältiges therapeutisches Potenzial nun mehr denn je ausgeschöpft wird. Dass der Wald uns guttut, wussten wir schon vor Corona. Zum einen aus eigener Erfahrung und zum anderen durch etliche Studien, wie beispielsweise jenen zum Waldbaden (jap.: «shinrin-yoku»). Auch wissen wir, dass eine Landschaft uns dann guttut, wenn sie naturnah ist. Die therapeutische Wirkmächtigkeit des Stadtparks ist eben nicht die gleiche, wie die des Naturwalds. Neben der Qualität spielt aktuell auch die Quantität eine enorme Rolle, denn es braucht schlichtweg Platz. Es braucht Kapazität, damit nun auch die Menschen auf der grünen Therapie-Couch platznehmen können, welche ihr körperliches und seelisches Heil normalerweise woanders suchen. Nämlich wochentags in Fitness-Studios und Kletterhallen und am Wochenende am Berg oder im Schwimmbad. Die Gesundheitskosten, die uns siedlungsnahe Naturräume gerade jetzt ersparen, in dem sie uns Bewegung, frische Luft, Ruhe und gedankliche Entleerung ermöglichen, sind wohl schwer zu beziffern. Aber der Wert und die existenzielle Wichtigkeit solcher Gebiete könnten nicht offensichtlicher vor uns liegen als unter den derzeitigen Einschränkungen. 

Rücksicht wichtiger denn je

Viele Menschen in der Natur bedeuten eine Zunahme an Konfliktpotenzial. Man sollte sich deshalb gerade jetzt an die gängigen Spielregeln halten, damit alle – Mensch und Mensch, aber auch Mensch und Natur – gut aneinander vorbeikommen (im Abstand von mindestens zwei Metern!). Konflikte gibt es zwischen Nutzergruppen ebenso, wie zwischen Mensch und Natur. Es mag verlockend sein, die gut besuchten Wege zu verlassen und allein durchs Dickicht zu stromern. Nur sind genau das die Störungen, an welche das Wild nicht gewöhnt ist und welche ihm zusetzen. Dies vor allem, wenn noch ein Hund dabei ist. 

Wenn ich aktuell, meist rennend, in den Berner Bremgartenwald eintauche, mache ich soziale Erfahrungen, die ich zwar im Wald nicht unbedingt suche, die mich aber positiv stimmen: Es ist deutlich mehr los auf den Trails, aber die Atmosphäre ist geprägt von einer Rücksicht und einem Wohlwollen, wie ich es mir in den Bergen oft wünschen würde. Man grüsst freundlich, hält Abstand und weicht aus. Natürlich kommt einem auch das obligatorische schwarze Schaf entgegen, mal strampelnd, mal rennend, aber im Grossen und Ganzen funktioniert es. Warum sollte es also am Berg nicht funktionieren? Vielleicht können wir die Rücksicht aus den Stadtwäldern zukünftig vermehrt in die Berge tragen, denn auch dort wird es ja manchmal eng. So mancher Bikerin-Wanderer-Konflikt würde sich so in Luft auflösen. 

Plädoyer für mehr Wildnis – am Berg und in Stadtnähe

Für Mountain Wilderness als Schlüsselorganisation im Einsatz für mehr Wildnis in der Schweiz ist deshalb, neben grossflächigen Wildnisgebieten in den Alpen, auch kleinflächigere und vor allem siedlungsnahe Wildnis mitzudenken. Neben anderen ökologischen Funktionen sollen diese – wir bleiben eine Alpenschutzorganisation – den Druck von Gebirgsräumen nehmen, indem sie Natur(-sport)erfahrungen «vor der Haustür» ermöglichen, ohne weite Anreise. Zudem sind wir der Meinung, dass der Mensch Wildnis für seine psychische und physische Gesundheit braucht. Betrachtet man dazu die internationale Forschung zu Natur und Gesundheit, sind wir mit dieser Haltung in guter Gesellschaft, ja alles andere als träumende Esoterikerinnen und Esoteriker. Welchen Wert hätte es aktuell, hätte jede Schweizer Gemeinde ein erlebbares Wildnisgebiet vor ihren Toren, oder sogar innerhalb dieser? Natürlich nicht nur als «Therapie-Wald» in der Krise und auch nicht nur für den Menschen, aber eben auch.

Aus der Krise lernen für die Zeit danach

Wir von Mountain Widerness versuchen der Situation Positives abzugewinnen. Mehr Menschen schätzen wilde Räume wert und es herrscht eine Atmosphäre von Solidarität und Gemeinsinn. Kann das nicht ein «Window of Opportunity» für ein neues Mensch-Wildnis-Verhältnis sein? Wir würden uns wünschen, dass es uns als Gesellschaft gelingt, die in der Krise gewonnenen Einsichten weiter zu kultivieren und sie über die Krise hinauszutragen. Was also tun sobald die «Freiheit, aufzubrechen wohin wir wollen», um es mit Messner zu sagen, zurück ist? Losstürmen gen Berg und mit Vollgas nachholen, soviel nur geht? Oder mehr Qualität als Quantität? Mit neuer Ruhe und Achtsamkeit losziehen, vielleicht erst nochmal ins leere Wildnisgebiet hinter der Stadt? Alle anderen sind ja dann wieder in den Bergen. 

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news-680 Tue, 07 Apr 2020 12:00:00 +0200 Kein Sonderstatus für den Flugverkehr! /aktuell/detail/kein-sonderstatus-fuer-den-flugverkehr/ Während wir uns zurzeit am unzersägten blauen Himmel und dem Ausbleiben von Fluglärm erfreuen, steigen die ökonomischen Verluste der Flugbranche mit jedem Tag des Stillstands. Ein Rettungspaket für die Flugbranche darf jedoch nur mit Auflagen an Klima- und Arbeitnehmendenschutz gesprochen werden. Dies fordert Mountain Wilderness Schweiz zusammen mit 45 Bewegungen, Organisationen und Parteien in einem offenen Brief an den Bundesrat. Während wir uns zurzeit am unzersägten blauen Himmel und dem Ausbleiben von Fluglärm erfreuen, steigen die ökonomischen Verluste der Flugbranche mit jedem Tag des Stillstands. Ein Rettungspaket für die Flugbranche darf jedoch nur mit Auflagen an Klima- und Arbeitnehmendenschutz gesprochen werden. Dies fordert Mountain Wilderness Schweiz zusammen mit 45 Bewegungen, Organisationen und Parteien in einem offenen Brief an den Bundesrat.

Fluggesellschaften wie Swiss und Easyjet haben Rettung durch Steuergelder beantragt. Jedoch geniesst der internationale Flugverkehr im Vergleich zu anderen Sektoren bereits sehr hohe Steuerprivilegien, da er weder Treibstoffsteuer noch Mehrwertsteuer zahlt. Was ausserdem auffällt: Der Luftverkehr ist bereits heute für 19% des menschengemachten Klimaeffekts in der Schweiz verantwortlich. Die Flugbranche muss auf ein klimaverträgliches Niveau zurückgebaut werden indem eine Kerosinsteuer eingeführt wird und der europäische Verkehr auf die Schiene verlagert wird.

Offener Brief an den Bundesrat

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news-678 Thu, 26 Mar 2020 19:00:17 +0100 Stop Heliskiing Demo abgesagt /aktuell/detail/stop-heliskiing-demo-abgesagt/ Die Helis bleiben am Boden – wir unten. Aufgrund der aktuellen Situation kann die Stop Heliskiing Demo auf den Glacier du Trient nicht stattfinden. Wir danken allen für ihre Unterstützung und bereiten weitere Aktionen vor. Die Helis bleiben am Boden – wir unten. Aufgrund der aktuellen Situation kann die Stop Heliskiing Demo auf den Glacier du Trient nicht stattfinden. Wir danken allen für ihre Unterstützung und bereiten weitere Aktionen vor.

Stop Heliskiing – mehr erfahren

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Stop Heliskiing
news-676 Wed, 29 Jan 2020 18:36:06 +0100 Wildnis fasst mit Arbeitsgemeinschaft weiter Fuss /aktuell/detail/wildnis-fasst-mit-arbeitsgemeinschaft-weiter-fuss/ Wildnis fasst in der Schweiz weiter Fuss: Am 29. Januar 2020 haben rund 30 Vertretende von Organisationen und Institutionen, die sich in der Schweiz mit Wildnis befassen, am Kickoff-Anlass der Arbeitsgemeinschaft Wildnis teilgenommen. Sie äusserten sich mehrheitlich positiv zur Idee, den Erfahrungsaustausch zu Wildnis zu fördern. Wildnis fasst in der Schweiz weiter Fuss: Am 29. Januar 2020 haben rund 30 Vertretende von Organisationen und Institutionen, die sich in der Schweiz mit Wildnis befassen, am Kickoff-Anlass der Arbeitsgemeinschaft Wildnis teilgenommen. Sie äusserten sich mehrheitlich positiv zur Idee, den Erfahrungsaustausch zu Wildnis zu fördern.

Von der Jagd bis zur Erlebnispädagogik

Die Teilnehmenden am Kickoff-Anlass der Arbeitsgemeinschaft Wildnis im Haus der Akademien in Bern deckten ein breites Spektrum an Interessengruppen ab: von der Jagd über Umweltorganisationen bis hin zu Vertretenden aus dem Waldbereich, der Forschung, der Raumplanung oder der Erlebnispädagogik. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich in irgendeiner Art und Weise mit Wildnis beschäftigen. Die Teilnehmenden standen einer Arbeitsgemeinschaft Wildnis mehrheitlich positiv gegenüber. Sie einigten sich darauf, dass die Arbeitsgemeinschaft Wildnis zunächst vor allem den Erfahrungsaustausch zu erfolgreichen Projekten im Bereich Wildnis fördert, um vor Ort konkret Wirkung zu erzielen. Situativ könnten auch Mitgliedsorganisationen gemeinsame Kampagnen lancieren. Mountain Wilderness Schweiz und Pro Natura, welche zum Anlass geladen hatten, werden nun das Grundlagenpapier auf Basis der Erkenntnisse aus dem Kickoff-Anlass weiter ausarbeiten.

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Wildnis
news-674 Thu, 16 Jan 2020 16:17:53 +0100 Flugticketabgabe ja, aber leider nicht für Helikopter /aktuell/detail/flugticketabgabe-ja-aber-leider-nicht-fuer-helikopter/ Die neu zusammengesetzte Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Nationalrates (UREK-N) hat ihren Vorschlag zum neuen CO2-Gesetz abgegeben. Darunter eine Flugticketabgabe für kommerzielle Passagierflüge mit Startpunkt Schweiz. Touristische Helikopterangebote sind davon ausgeschlossen. Der Ständerat hatte sich im September 2019 für eine Lenkungsabgabe für Flüge aus der Schweiz ausgesprochen. Auf Antrag von Ständerat Thomas Minder sollte jeder Abflug ab einem Schweizer Flughafen eine Abgabe von 500 Franken leisten. Im vorgeschlagenen Text vom 23. September 2019 ist von «Flugzeugen, die mit fossilen Energieträgern betrieben werden» die Rede. Für touristische Helikopterflüge hätte dies eine Preisverdoppelung bedeutet.

Freiflug für Flugzeuge unter 5,7 Tonnen

Nun hat die Kommission gemäss Medienmitteilung vom 15. Januar 2020 die Leichtaviatik von diesem Mehrpreis ausgeschlossen. Die neu bezeichnete «Abgabe Allgemeine Luftfahrt» ziele auf Passagierflüge ausserhalb des kommerziellen Luftverkehrs ab (z. B. Business-Jets). Das Gewicht des Flugzeugs wird massgeblich sein, spezifiziert Kommissionspräsident Bastien Girod in der NZZ. Flugzeuge unter 5,7 Tonnen seien nicht abgabepflichtig. Sportflugzeuge und Helikopter sind demnach nicht betroffen. Dies obwohl Helikopter von allen in der Schweiz zugelassenen Transportmitteln pro Frachtgewicht am meisten Energie verbrauchen. 

Fluglobby an Bord

Als Begründung wird genannt, dass der Aufwand zur Erhebung der Abgabe angesichts der meist geringen Kosten solcher Flüge unverhältnismässig sei. Ausserdem wird das Argument der Fluglobby aufgenommen, dass es eine ungerechte Doppelbesteuerung darstellt neben der bestehenden Mineralsteuerabgabe von 73 Rappen. Einziger Lichtblick: Die Abgaben für Businessjets sollen höher als vom Ständerat vorgeschlagen ausfallen. 

 

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Stop Heliskiing
news-672 Thu, 12 Dec 2019 20:29:21 +0100 Berge sind Grenzen, Menschen ziehen Grenzen /aktuell/detail/berge-sind-grenzen-menschen-ziehen-grenzen/ Berge sind natürliche Grenzen; und der Mensch schraubt an diesen Grenzen, verstärkt sie, zieht neue dazu und lotet dabei die Grenze zwischen Natur und Kultur aus. Dies haben die acht Referate zum Internationalen Tag der Berge im Alpinen Museum der Schweiz am 11. Dezember 2019 aufgezeigt. Berge sind natürliche Grenzen; und der Mensch schraubt an diesen Grenzen, verstärkt sie, zieht neue dazu und lotet dabei die Grenze zwischen Natur und Kultur aus. Dies haben die acht Referate zum Internationalen Tag der Berge im Alpinen Museum der Schweiz am 11. Dezember 2019 aufgezeigt. Mehr als hundert Gäste haben dieses Jahr den Vorträgen im unterhaltsamen Pecha-Kucha-Format gelauscht.

Mountain Wilderness Schweiz hat den Tag der Berge zusammen mit anderen Alpenorganisationen organisiert. Grenzen am Berg wurden in grosser Vielfalt angesprochen: Der Mensch verschiebt Grenzen, indem zum Beispiel durch die menschgemachte Klimaerhitzung Alpenpflanzen immer höher steigen und die Lebensräume für einige kälteliebende Pflanzen kleiner werden, wie Sonja Wipf vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF aufgezeigt hat. Wir lieben es, Grenzen zu erforschen. Einer, der es mit Leidenschaft tat, war Alexander von Humboldt. Der Historiker Jon Mathieu hat dem Grenzüberschreiter und Wegbereiter des Tags der Berge ein kleines Denkmal gesetzt. In der Region von Briançon bilden die Berge für viele Migrierende Grenzen, die sie wegen menschgemachten Grenzen nur unter grosser Gefahr überschreiten können. François Labande von Mountain Wilderness France hat aufgezeigt, wie Menschen mutig für diese Grenzüberschreiter der anderen Art einstehen. Dass nicht nur Grenzen, sondern auch Grenzwerte problematische Seiten haben, hat Niklas Joos-Widmer erläutert. Er befasst sich beim Urner Amt für Umweltschutz mit Grenzwerten. In seinem Referat hat er dafür plädiert, nicht zu vergessen, dass Grenzwerte letztlich immer dem Schutz von Mensch und Umwelt dienen sollten. Dass sich potenzielle Schadstoffe weder um Grenzen noch um Grenzwerte scheren, hat Jürg Trachsel vom SLF deutlich gemacht: Er fand bei Untersuchungen Mikroplastik im Schnee von den Alpen bis zur Arktis. 

Grenze zwischen Natur und Kultur

Die Kurzvorträge haben aber vor allem auch gezeigt, wie schwierig die Grenze zwischen Natur und Kultur zu ziehen ist. Elisa Frank von der Uni Zürich befasst sich mit Wölfen, die sich nicht so recht an die von Menschen gezogenen Grenzen halten wollen. Um sie im Zaum zu halten, greifen wir auf ein Mischwesen aus Natur und Kultur zurück: die Herdenschutzhunde. Der Fotograf Roshan Adhihetty hat Gruppen von Nacktwandernden begleitet. Er hat festgestellt, wie sich viele Nacktwandernde wieder der Natur anzunähern versuchen; und wie schwierig es ist, diese Grenzen wieder aufzubrechen; ganz auf Hilfsmittel wie Wanderschuhe oder Rucksack mag fast niemand verzichten. 

«Es ist Zeit für mehr Wildnis in der Schweiz»

Mehr um Wildnis als Naturphänomen ging es bei Katharina Conradin. Sie ist Präsidentin von CIPRA International und war lange Zeit Geschäftsleiterin von Mountain Wilderness Schweiz. Sie forderte in ihrem Referat: «Es ist Zeit für mehr Wildnis in der Schweiz.» die Aufgabe von Grenzertragsflächen habe nicht nur negative Auswirkungen, sondern könne mit Geduld und Zeit auch zu neuen, faszinierenden Lebensräumen führen. Viel Geduld bringt auch Bruder Markus auf. Der durch eine SRF-Dokumentation bekannt gewordene Eremit meditiert seit Jahren abgeschieden im Wallis. Wegen starken Schneefalls konnte er leider nicht am Anlass teilnehmen. In seiner Grussbotschaft erinnerte er das Publikum daran, dass der Mensch meist sich selber Grenzen setzt.

 

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news-670 Thu, 28 Nov 2019 13:45:55 +0100 Alpinflohmi Bern: Second-Hand-Charme statt Black-Friday-Konsumschlacht /aktuell/detail/alpinflohmi-bern-second-hand-charme-statt-black-friday-konsumschlacht/ Am 27. November durften wir zusammen mit den Public Eye Regionalgruppen Zürich und Bern den zweiten Alpinflohmi der Schweiz durchführen. Hunderte Personen folgten unserer Einladung in die Heitere Fahne, um sich nicht dem Black-Friday-Wahnsinn dieser Tage anzuschliessen, sondern durch bewussten Kauf von Berg-Ausrüstung aus zweiter Hand Ressourcen zu schonen. Der Konsum immer neuer Produkte trägt in beträchtlichem Masse zu den Umweltproblemen unsere Zeit bei. Wir sehen in den Alpinflohmärkten einen kleinen, aber bestimmten Schritt in die richtige Richtung. 
 

Mehr Infos

Unsere Position zum Thema Ausrüstung
Clean Clothes Campain von Public Eye

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Bergsport
news-668 Mon, 30 Sep 2019 12:26:44 +0200 Seilschaft für das Klima /aktuell/detail/seilschaft-fuer-das-klima/ Am Samstag den 28. September fand mit der nationalen Klima-Demo eine der grössten Demonstrationen der Schweizer Geschichte statt. Die Organisatoren sprechen von 100’000 Menschen, die in gemeinsam von der Schützenmatte zum Bundesplatz spazierten und für einen konsequenten Klimaschutz demonstrierten. Am Samstag den 28. September fand mit der nationalen Klima-Demo eine der grössten Demonstrationen der Schweizer Geschichte statt. Die Organisatoren sprechen von 100’000 Menschen, die gemeinsam von der Schützenmatte zum Bundesplatz spazierten und für einen konsequenten Klimaschutz demonstrierten.

Bergsport-Community spannt zusammen

Mountain Wilderness hat zusammen mit der jungen Organisation POW (Protect Our Winters) zahlreiche Bergsporttreibende zur Teilnahme mobilisiert. Ausgerüstet mit allen möglichen Bergutensilien wie Seil und Klettergstältli liefen wir als grosse Seilschaft für das Klima auf. Wir hoffen, damit einen kleinen, illustren Beitrag zu der sehr gelungenen und hoffentlich wirkmächtigen Demo geleistet zu haben.

Wählen!

Nun gilt es für Herrn und Frau Schweizer, an den anstehenden Wahlen vom 20. Oktober die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sensibilisiert sollte das Stimmvolk spätestens nach diesem Wochenende sein. Spannende Infos zum Thema liefern das Klimablatt und das Umweltrating.

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Bergsport