A Ride on the Wild Side – keepwild! biking in der Val Müstair?

MTB-Workshop Val Müstair

Seit einigen Tagen sind wir nun in unserem Pop-up-Büro im schönen Münstertal. Es ist ein traumhafter Morgen und unser rollender Workshop zum Thema «Nachhaltiges Mountainbiking» steht auf dem Programm. Wir fahren mit dem Postauto, von denen hier jedes einen extra Bike-Anhänger hat, hinauf zur Passhöhe Süsom Givè (Ofenpass), wo wir die Teilnehmenden des Workshops empfangen. Der Anlass ist hochkarätig und sympathisch besetzt mit Vertreterinnen und Vertretern der Biosfera Val Müstair, dem Forstamt, lokalen Bike-Anbietern, Tourismusplanern und Mountain Wilderness Schweiz. Sogar aus dem Puschlav ist der Tourismusdirektor angereist, um die Thematik sprichwörtlich zu er-fahren. Alles deutet also darauf hin, dass wir einen spannenden und informativen Tag verleben werden, nach welchem auch die Trailhungrigen zufrieden nach Hause gehen sollten.

Bike-Destination Münstertal

Unser Tour-Guide Sergio Tschennet ist Vollblut-Biker, Präsident des örtlichen Bike-Vereins und Inhaber von «Ride La Val», der lokalen Bike-Schule mit angegliedertem Veloladen, Bike-Verleih und Werkstatt. Er ist massgeblich an der Entwicklung des Bike-Tourismus im Tal beteiligt und stellt sich als «Downhill-Rennfahrer» in Pension vor. «Na das kann ja was werden», steht es so einigen der weniger bike-erfahrenen Teilnehmenden ins Gesicht geschrieben. 

Nachdem alle Anwesenden sich vorgestellt haben, gibt uns der Leiter des Forstamts Val Müstair, Livio Conrad, einen spannenden Einblick in die bikespezifischen Destinationsplanung im Münstertal. Es gibt hier über 300 km Wander- und Bikewege, 180 km davon sind die bei Bikern und Wanderinnen gleichermassen beliebten Trails, also relativ schmale Pfade. Diese werden im Münstertal fast ausschliesslich von den Nutzergruppen geteilt, um die Landschaft und auch das Gemeinde-Budget möglichst wenig zu belasten. Mittlerweile gibt es einen Masterplan für das Tal, welcher einen attraktiven und möglichst umwelt- und landschaftsschonenden Bike- und Wandertourismus fördern soll und an dessen Erarbeitung Stakeholder aus Naturschutz, Forst, Tourismus und Bikesport beteiligt waren. Dass der Bike-Verein sich das Ziel gesetzt hat, durch den Bike-Tourismus die Übernachtungszahlen um 20% zu erhöhen, tönt zunächst bedrohlich nach Ausbau «auf Teufel komm raus». Forstamtleiter Livio erklärt, dass in einem soliden Bike-Konzept sicher einige Wegeanpassungen und auch abschnittweise ein Neubau enthalten sein muss, um die Pfade sowohl für Biker als auch für Wandernde attraktiv zu gestalten. Er betont jedoch, dass auch ein Rückbau bestimmter Wege immer mitgedacht werden muss. Oft kann durch den Rückbau eines ohnehin kaum genutzten, unattraktiven Trails eine ganze Geländekammer der Natur zurückgegeben werden – eine Überlegung, die für uns als Wildnisschützende so positiv wie überraschend daherkommt. Und auch für die Gemeindekasse ist es wichtig, nicht immer mehr Infrastruktur unterhalten zu müssen, denn der Wegeunterhalt ist eine Mammutaufgabe im Sysiphus-Stil, wie wir auf unserer Tour immer wieder erfahren werden. 

Der Feind heisst «Erosion»

Nach kurzer Abfahrt auf der Ofenpassstrasse geht es auch schon ins Gelände und das nicht wenig anspruchsvoll. Wie uns Livio und Sergio später erklären werden, ist der Weg hier deshalb ruppig und schwierig, weil das Wasser aufgrund der Steilheit und Geradlinigkeit tiefe Erosionsrillen hinterlassen hat. Steil und gerade ist genau das, was ein Pfad, egal ob für Wandernde oder Bikende, nicht sein sollte. Als Faustregel für einen erosionsresistenten Trail gilt: Durchschnittliche Steilheit maximal um die 10%, möglichst der Topographie angepasst und nicht in Falllinie, mit Wellen und Kurven. Schönerweise macht ein Trail, welcher diese Bedingungen erfüllt, auch zum Fahren am meisten Spass! Wo die Gefahr besteht, dass Bikende die Falllinie wählen, kann durch kleine Hindernisse wie Felsblöcke die Spurwahl so beeinflusst werden, dass diese möglichst trail-freundlich und damit landschaftsschonend ausfällt. 

Entflechtung als Ultima Ratio

Nach einigen kurzen, aber knackigen Anstiegen hoch nach Minschuns erwartet uns bald das erste Highlight: Der schmale Trail schmiegt sich an den Hang an, bietet Wellen und Kurven und das alles bei spassiger und nicht allzu grosser Steilheit. Nach dem Streckenabschnitt halten wir an und besprechen das Erlebte. Forstchef Livio weist darauf hin, dass es hier bisher keine Konfliktmeldungen von Wandernden oder Bikenden gibt, obwohl der Weg beidseitig befahren und zum Teil stark frequentiert ist. Die Co-Existenz funktioniert gut, der Pfad ist so angelegt, dass man stets weit genug sieht, um auf Gegenverkehr reagieren zu können. Auf eine Entflechtung verzichtet man hier ganz bewusst, sie wäre die allerletzte Option, falls es zu grösseren Konflikten oder gar Unfällen käme. Die Landschaft soll möglichst vor überflüssigen Eingriffen bewahrt bleiben und so setzt man auf ein Nebeneinander auf ein- und derselben, clever angelegten Infrastruktur.

Damit das Miteinander funktioniert, braucht es Offenheit und Respekt auf beiden Seiten. Ein freundlicher Gruss und eine rücksichtsvolle Fahr- bzw. Gehweise wirken Wunder. Und führen in unserem Fall dazu, dass wir den ganzen Tag nur positive Begegnungen haben. 

Wo doch entflechtet werden muss, kann dies auch mit anderen Mitteln als Wegeneubau geschehen. Livio verrät uns dazu einige Tricks. Biker gehen z.B. dorthin, wo es für sie attraktiv und flüssig zu fahren ist. Durch geschickte Platzierung von Steinen und anderen «Hindernissen» können Wege mit minimalem Aufwand attraktiv oder weniger attraktiv gestaltet und damit die Velofans gelenkt werden. 

Auf die Technik kommt es an

Bevor es weitergeht, klären uns Sergio und Livio darüber auf, was sie unter trail-verträglicher Fahrtechnik verstehen. Wie schnell ein Trail erodiert hängt nicht nur, aber auch von der Fahrtechnik der Nutzenden ab. Idealerweise blockieren die Räder nie, wie dies bei einer Vollbremsung der Fall wäre. Ein blockiertes Rad trägt Material ab und schleift Rillen in den Weg. In diesen kanalisiert sich bei Regen das Wasser und nimmt so richtig Fahrt auf. Dadurch wird vermehrt Untergrund abgetragen und es entstehen immer grössere Wegschäden. Die nächsten Bikenden und Wandernden vermeiden die kaputten Abschnitte und weichen seitlich aus. So wird der Weg immer breiter und hässlicher und erfordert aufwendigere Unterhalts- und Sanierungsarbeiten (diese geschehen häufig in mühsamer Frohnarbeit). Die Räder sollen also rollen, bremsen sollte man dosiert und gleichmässig. Ein leiser Biker ist ein guter Biker.

E-Bikes auf dem Vormarsch

Vor allem auf den technisch leichteren Passagen kommen uns mindestens so viele motorisierte Fahrräder entgegen wie klassische Mountainbikes. Ein Trend, den wir bei Mountain Wilderness Schweiz sehr kritisch betrachten und der natürlich zur Sprache kommen muss in unserer Runde. Mountain WiIderness spricht sich klar für einen Bergsport «by fair means» aus, sprich aus eigener Kraft. Ausnahmen, zum Beispiel für Menschen mit Behinderung oder Betagte, finden wir legitim. Der Motor darf aber auf keinen Fall zur blossen Konsumsteigerung für Faule dienen. 

Auf Seiten der ortsansässigen Workshopteilnehmenden sieht man das Thema erwartungsgemäss weniger kritisch. In Sergios Bike-Verleih machen E-Bikes mittlerweile 50% der verliehenen Bergräder aus, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor also. Man ist sich unter den Anwesenden einig, dass durch das E-MTB die Frequenzen erhöht werden, was ein gewisses Konfliktpotential birgt. Abgelegenere, schwer zugängliche Gebiete werden durch die Motorunterstützung jedoch bislang nicht nennenswert befahren, es bleibt bei den gängigen Routen und vor allem auch den breiten Forstwegen. Ein Grund dafür ist, dass im Gelände und auf Hütten auf Ladestationen verzichtet wird, aber auch, dass E-MTB-Nutzende häufig noch über eher schlechte Fahrtechnik verfügen. Dies wird sich allerdings – so prognostiziert Bike-Guru Sergio – in den nächsten Jahren ändern. Dann wird man die Situation neu bewerten müssen. 

Künstliche Anlagen?

Nach einem kurzen Abschnitt auf der Teerstrasse folgen weitere Passagen teils technischer, teils flowiger Trails, die das Biker-Herz jauchzen lassen. Übergänge an Zäunen sind mit Gittern bikefreundlich, also fahrbar gestaltet. Ab und an muss ein Elektrozaun geöffnet und wieder geschlossen werden und es finden sich Tore die sich in Fahrtrichtung öffnen lassen.  Ein Flachwasserabschnitt wird via dezenter Holzbauten schonend überquert und bei einer Spitzkehre verabschiede ich mich kurz unfreiwillig von meinem vollgefederten Gaul – glücklicherweise ohne Folgen. Wer ein Bike wie Sergio hat, fährt eben noch lange nicht wie Sergio ...

Aufgrund der genannten Holzbauten kommt das Thema künstlicher Anlagen wie Downhill-Pisten, Flow-Trails, Steilkurven etc. zur Sprache. Glücklicherweise ist dieses schnell abgehakt, denn: All das will man im Münstertal dezidiert nicht. Die Wege sollen naturnah und dezent bleiben. Und die Bikenden sollen sich ihre Trails zuerst verdienen: Es gibt immer uphill Passagen in den ausgewiesenen Routen.  

Wir erreichen den Weiler «Lü», kehren im Gasthof Hirschen ein und kurbeln die regionale Wertschöpfung durch den Verzehr lokaler Köstlichkeiten ein wenig an. 

Wünsche an Talbesucher auf zwei Rädern

Nach der Stärkung mit Capuns und Co. geht es noch mal zur Sache und wir geniessen ein anregendes Bergauf-Bergab auf einem Höhentrail oberhalb des Rom, dem revitalisierten Fluss in der Talsohle der Val Müstair. Der Weg entlang des Rom, der durch Auen von nationaler Bedeutung führt, wird extra gemieden. Abschnitte des von uns befahrenen, teils abschüssigen Trails wurde laut Sergio mit 20 Freiwilligen an sieben Dienstagabenden instandgesetzt und ist jetzt eine absolute Perle, die einen in berauschend wildem Waldambiente bis hinab nach Müstair fliegen lässt. 

Dort angekommen, widmen wir uns bei einem Tschliner Bier der letzten Frage des heutigen Workshops: Was wünscht man sich im Münstertal von den Bikenden? Die Antworten kommen schnell und sind gut nachvollziehbar: Eine Anreise mit öffentlichem Verkehr, eine Aufenthaltsdauer von mehreren Tagen, Respekt und Rücksicht gegenüber Wanderern und anderen Nutzergruppen sowie der Natur. Und natürlich das Geniessen lokaler Produkte. Wer dann noch ohne blockierende Räder über die Trails surft, macht sehr vieles sehr richtig und ist mehr als willkommen. 

keepwild! biking?

Abschliessend bleibt für uns von Mountain Wilderness Schweiz zu sagen, dass jeder Pfad, oder auf «bikerisch» eben Trail, einen Eingriff mit Einfluss auf die Landschaft darstellt. Für uns sollten diese Eingriffe möglichst gering und die Landschaft somit möglichst wild gehalten werden. Ebenso, dass ein Trail ein Wildniserlebnis ermöglicht und nicht zum Wegerlebnis mit Wildniskulisse wird. Die Val Müstair ist hier unserer Meinung auf einem guten Weg und der Gedanke an keepwild! bike days gehen uns nicht mehr aus dem Kopf.

Weiterführende Links

Grundsätze zu Mountainbiking von Mountain Wilderness Schweiz

Positionspapier «Mountainbiking, Natur- und Landschaftsschutz» von Mountain Wilderness Schweiz, Pro Natura, Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, BirdLife Schweiz und WWF Schweiz