Die Corona-Krise vom Berg aus betrachtet

Mit oder ohne Corona: Die Umbrailpassstrasse schlängelt sich vor dem Ortlermassiv durch die Val Muraunza. (© Fabian Lippuner)

Heile Welt

Mein Arbeitsweg ist einer der schönsten der Welt. Mit dem Postauto fahre ich jeweils von meinem Wohnort im Unterengadin durch den Schweizerischen Nationalpark und über den Ofenpass ins Val Müstair, wo ich für den Regionalen Naturpark Biosfera Val Müstair arbeite. Momentan ist allerdings auch bei mir Homeoffice angesagt. Mit der aktuellen Situation haben wir uns recht gut arrangiert. Wir sind nicht von Kurzarbeit betroffen und geniessen einen Luxus, von dem viele unserer Freunde in der Stadt nur träumen können: Raum. Nicht nur im Sinn von Platz, sondern auch Aussicht, Garten, Wiesen, Felder und Wälder mit Wanderwegen direkt vor der Haustür. Aber es ist ruhig geworden in den Dörfern. Die Menschen vermissen ihre sozialen Treffpunkte und das kulturelle Leben, welches gerade in den Bergen so wichtig für das Gefühl des Miteinanders ist. Trotzdem geht es uns gut und die Leute im Dorf haben einen unaufgeregten Umgang mit der Situation. Zum Glück zieht sich der Schnee auf immer mehr Wanderwegen langsam zurück und beim Wandern, Biken oder Laufen ist der empfohlene Sicherheitsabstand ohne Probleme einzuhalten. Von überlaufenen Naherholungsgebieten oder zusätzlichem Druck auf die Natur, wie es in den stadtnahen Erholungsgebieten zu sein scheint, kann hier nicht die Rede sein. Zwar sind nach wie vor einzelne Tourengeherinnen und Tourengeher unterwegs, zugeparkte Strassen wie auf den Bildern vom Flüelapass, die kürzlich durch die Medien gingen, sind hier aber nicht zu finden. Die Wildruhezonen dürfen ohnehin bis Ende April nicht begangen werden und wo noch Schnee liegt stellt sich durch die momentanen eher hohen Temperaturen eine natürliche Besucherlenkung ein.

Oder eben doch nicht?

Den abrupten Saisonschluss stecken allerdings nicht alle so einfach weg. Bei vielen geht es ans Eingemachte, auch wenn sie das nicht so offen sagen. Die Region Unterengadin/Val Müstair ist geprägt vom Tourismus und viele Arbeitsstellen hängen auf die eine oder andere Weise vom Tourismus ab. Immerhin war die Wintersaison 2019/20 gut und nach Ostern hätte ohnehin die Zwischensaison begonnen. Trotzdem führt die fehlende Planungssicherheit dazu, dass Saisonstellen nicht oder noch nicht besetzt werden, Buchungen storniert oder für die Region wichtige Anlässe entweder verschoben oder abgesagt werden müssen. 

Wie überall brauchen die Menschen auch hier Arbeit, um weiterhin hier wohnen zu können. Neben dem Tourismus ist das Handwerk, die Verarbeitung von Lebensmitteln miteingeschlossen, ein weiterer wichtiger Pfeiler der lokalen Wirtschaft. Doch weniger Gäste heisst auch weniger Kunden für authentische Produkte aus dem Berggebiet. Auch aus diesem Grund engagieren wir uns beim Naturpark dafür, lokale Kreisläufe und Wertschöpfungsketten bei den Produzentinnen und Produzenten in der Region möglichst zu schliessen. Was früher selbstverständlich war, erweist sich gerade in Krisenzeiten als mögliches und modernes Zukunftsmodell. Das Internet bietet zudem neue Absatzkanäle für Produkte aus dem Berggebiet und für die Direktvermarktung.

Holt euch die Berge geschmacklich nach Hause

Mein Aufruf an alle, die in den Städten bereits mit den Fingern über die Landkarten rutschen, Touren Planen, Topos studieren, trainingshalber die Laufschuhe schnüren und in Gedanken bereits den Rucksack packen: Verschenkt doch online eine Nusstorte, besorgt euch schon mal einen Bio Salsiz und ein Stück naturparkzertifizieren Bergkäse aus oder kocht euch eine herzhafte Gerstensuppe. Holt euch die Berge zumindest geschmacklich schon einmal nachhause und übt euch in genussvoller Solidarität. Ich bin sicher, die Bevölkerung in den auch von euch so geliebten Bergen wird es euch danken. Und wir im Val Müstair, wir freuen uns auf euren Besuch!

Yves Schwyzer

 

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