Mountain Wilderness Schweiz
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Val d'Arpette - Augen-Blicke zum ewigen Schnee

Durch ein erst einsames Tal, über Geröll und Felsen zum Fenêtre d'Arpette, eine Stelldichein der der Montblanc Rundwandernden mit Sicht auf den Trientgletscher

Zeit:Aufstieg 4 Std., Abstieg 2 Std. 30 Min. Die Zeitspanne zwischen dem erstem Bus nach Champex (an kurz vor 9 Uhr) und dem einzigen Bus vom Col de la Forclaz (ab 17.50 Uhr) ist knapp bemessen.
Distanz:14 km
:+1188, -1137
Karte:Orisières 1345, Col de Balme 1344, Barberine 1324
Jahreszeit:ab Juli bis Mitte September. Auskünfte zur Begehbarkeit können im Relais d'Arpette (027 783 12 21) eingeholt werden. Auf der Route können bis im Sommer, wie bei uns am 22. Juli, Schneefelder liegen.

Reise:

  • Anreise: Mit der Bahn nach Martigny und weiter nach Orsières (teilweise mit Umsteigen in Sembrancher), anschliessend mit dem Bus bis nach Champex-Lac (regelmässige Verbindungen).
  • Rückreise: Mit dem Bus vom Col de la Forclaz nach Martigny. Am Wochenende besteht nur ein Kurs um 17.50 Uhr, mit dem man um 18.25 Uhr in Martigny ist. Während der Woche bestehen weitere, unregelmässige Verbindungen.

Route:

Champex 1477 - L'Arpette 1627 - Fenêtre d'Arpette 2665 - Chalet du Glacier 1583 - Col de la Forclaz 1528

Essen:

Essen und Trinken aus dem Rucksack, da Verpflegungsmöglichkeiten nur zu Beginn und am Ende der Wanderung bestehen. Essen kann man im Relais d'Arpette (sehr zu empfehlen, besonders der Tarte mit einheimischen Myrtilles), Chalet du Glacier (einfacher Bewirtungsbetrieb) und auf dem Col de la Forclaz (Restaurant/Hotel).

Schlafen:

Relais d'Arpette mit 16 Betten und 40 Massenlagerplätzen oder Camping (027 783 12 21)

Informationen:

Office de Tourisme in Martigny (027 722 22 20), in Champex (027 783 12 27; info@champex.ch) oder in Trient (027 722 46 23)

Tipps:

Beim Chalet du Glacier die Informationstafeln der Region Mont Blanc lesen. Da erfährt man unter anderem, dass zwischen 1865 und 1893 das Eis des Trientgletschers für Kühlzwecke bis nach Paris transportiert wurde. Varianten: Wahlmöglichkeiten gibt es zu Beginn und zum Abschluss der Wanderung: Wer gemächlich starten will, steigt in Champex aus dem Bus und folgt ca. 20 Minuten dem See vor dem Anstieg ins Arpette-Tal. In Chalet du Glacier kann man nach Trient (50 Minuten) absteigen (nochmals 250 Höhenmeter) oder gemütlich entlang der Bisse du Trient auf den Col de la Forclaz wandern (ebenfalls 50 Minuten).

Val d'Arpette - Augenblicke zum ewigen Schnee

Matthias Stremlow

Es sei vorweg erwähnt: Diese abwechslungsreiche Wanderung lohnt sich. Sie bietet vom See, über Wildwasser, Wälder, Blumenwiesen, Aussichten auf die Walliser Alpen und natürlich den Trientgletscher vieles, was das Wanderherz erfreut – und was wir uns unter Alpen vorstellen. Dass ich mit meiner Einschätzung nicht alleine bin – und dies sei auch gleich vorweg gesagt –, zeigt sich an der doch recht hohen Begangenheit der Route. Den schmalen Grat des Fenêtre d’Arpette teilen wir uns mit über 30 Personen aus der halben Welt.

Woher die ganzen Menschenmassen eigentlich gekommen sind, ist mir nicht recht klar geworden. Denn angefangen hat unser Ausflug ganz anders. Im Bus von Orsières nach Champex finden sich nur eine Handvoll einheimischer Frühaufsteher, die alle im Dorf aussteigen. Meine Frau und ich, wir lassen uns als einzige Fahrgäste bis zur Busendstation, der Talstation des Skiliftes, fahren. Noch bevor wir die Karte ausgepackt haben, kommt der freundliche Buschauffeur auf uns zu und fragt nach unserem Ziel. „Ja für das Val d’Arpette, da nimmt man besser den schönen Chemin Ruisseau als den Hauptwanderweg.“ Wir bedanken uns und freuen uns: zuerst über die nette Geste und später über den guten Tipp. Der abwechslungsreiche Weg entlang dem munter sprudelnden Wasser (anfangs Bisse, dann Bergbach) lohnt sich wirklich. Der Chemin Ruisseau beginnt dreissig Meter hinter der Skistation.

Sympathien und gute Werbung für den Ferienort schafft nicht nur der Buschauffeur sondern auch die Gastgeberfamilie Repraz-Mursier im Relais d’Arpette, die den Familienbetrieb seit 75 Jahren führt. Wir probieren die Tarte aux Myrtilles, die vorzüglich schmeckt und gar nicht teuer ist. Die Beeren werden in den Wäldern der Region gesammelt. Das ganzjährig offene Relais bietet neben Kulinarischem verschiedene Übernachtunsmöglichkeiten, gemütlich anmutende Gaststuben und auch einen Kinderspielplatz und verschiedene Tiere. Das nächste Mal übernachten wir hier, anstatt um 5.30 Uhr von daheim aufzubrechen.

Frisch gestärkt, machen wir uns als einzige Wandernde auf in das Arpette-Tal. Geleitet sind wir von der Frage nach den imaginären Grenzen der Wildnis. Wo und allenfalls wie werden wir sie heute erleben? Die Alp l’Arpette ist noch eine traditionelle Kulturlandschaft mit einzelnen Chalets, Hütten, Weiden und einer breiten Naturstrasse. Nach einer viertel Stunde begegnen wir auch tatsächlich einem geländegängigen Auto, immerhin dem letzten bis zum vielbefahrenen Forclaz-Pass. Vor uns liegen der Pte. des Ecandies (2873 m) und der Pte. d’Orny (3271 m), an dessen weissen Abhängen sich noch zaghaft der Arpette-Gletscher andeutet.

Nach rund einer halben Stunde verlässt man die Fahrstrasse. Der Wanderweg führt steiler bergan. Der Wald wird durch Buschwerk abgelöst. Aus Steinen werden immer häufiger Geröll und Felsen. Dem Wandernden manchmal ein Hindernis, sind sie Lebensraum der Murmeltiere, die wir aus nur zehn Meter Distanz während gut einer halben Stunde beobachten. Hier sind wir noch ungestört. Erst später im letzten, doch sehr steilen Aufstieg treffen wir auf zahlreiche Wandernde. Auf der Passhöhe (2665 m) hat es weitere. Jetzt eigentlich in der „Wildi“ – also in den Bergzonen, wo kein Vieh mehr vordringt – kommen keine Gefühle von Einsamkeit auf. Wir machen nur ein kurzes Picknick.

Der Abstieg von über tausend Höhenmetern bis zum Chalet du Glacier ist lang und nicht für schwache Knie geeignet. Wer ihn doch unter die Füsse nimmt, wird durch die sich ständig wechselnden An- und Ausblicke auf den rund fünf Kilometer langen, bis auf rund 1800 m.ü.M. hinunterreichenden Trientgletscher entschädigt. Wir fragen uns, ob dort wohl Wildnis erlebbar wäre, wie sie Ludwig Hohl in seiner „Bergfahrt“ (1975) eindrücklich beschrieben hat. Den Spuren nach zu urteilen, die wir durch den Feldstecher auf dem Gletscher orten, scheinen AlpinistInnen direkter als wir auf der Suche nach der Antwort zu sein. Zweimal schwirrt der Rega-Helikopter über das Gebiet und verschwindet hinter der Tête Blanche (3421 m). Wie die Hochgebirgstour ausging, wissen wir nur im Falle von Hohls Gletscherabenteuern. Die Regionalnachrichten des folgenden Tages vermelden immerhin keinen Unglücksfall im Gebiet des Mont Blanc.