Mountain Wilderness Schweiz
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Bivouac du Dolent - Sputnik oder der Mond vor der Türe

Unberührte Natur, viel Wasser in vergletscherter Form und ein (für die ansässigen Murmeltiere zweifellos bedrohlich) kreisender Adler.

Distanz:6 km
:+1080, -1080
Karte:Orsières 1345 und Gd. St-Bernard 1365
Jahreszeit:Ab Ende Juni bis Mitte Oktober.

Reise:

  • Mit der Bahn nach Martigny und weiter nach Orsières, von hier mit dem Bus nach La Fouly (täglich 7 Verbindungen).

Route:

La Fouly 1593 - L'A Neuve - Sur La Li - P. 2210 - Bivouac du Dolent 2667. Und zurück.

Essen:

Aus dem Rucksack (in La Fouly Einkaufsmöglichkeiten). Das Bivouac du Dolent ist unbewartet und bietet weder Verpflegungs- noch Kochmöglichkeiten, ist dafür mit einem Notfunk ausgerüstet und bietet Schlafplatz für (enge) 12 Personen.

Schlafen:

In La Fouly verschiedene Möglichkeiten. Etwas familiärer in Ferret: Chalet-Restaurant du Col de Fenêtre (Zimmer und Touristenlager; Tel. 027 783 11 88; Informationen: Office du Tourisme in La Fouly (Tel. 027 783 27 17, Fax 027 783 33 03; www.st-bernard.ch).

Tipps:

Viel Zeit zum Beobachten mitnehmen. Im Frühsommer auch ein Blumenbestimmungsbuch, im Herbst eher ein Fernglas.

Beschreibung:

Marco Volken

«Das orangefarbene Biwak ist ästhetisch nicht gerade ansprechend.» Meinungen können manchmal weit auseinander gehen. Was im SAC-Clubführer der Walliser Alpen getadelt wird, kann auf jüngere Generationen durchaus hip wirken. Im Zeitalter von Retro, Orange, 70er-Jahre-Design und Plastic-Groove kann man dem Bivouac du Dolent nämlich durchaus eine eigene Ästhetik abgewinnen (die im Museum of Modern Art in NY, USA ausgestellten Designmöbel und -lampen aus der Accademia di Brera lassen grüssen). Wie die geneigte Leserin, der aufmerksame Leser wohl bemerkt hat, finden wir das Biwak: mehr als ansprechend. Wir haben ihn liebevoll auf Sputnik getauft.

Von La Fouly streckt sich ein Strässchen westwärts und quert die kleine Talebene Richtung Fussballacker (-platz wäre deutlich übertrieben). Noch einige wenige Schritte in der Horizontalen, doch bald zweigt unser Fussweg nach links ab und macht sich unmissverständlich daran, möglichst rasch an Höhe zu gewinnen. Durch etwas Vegetation erreichen wir bald die Oberkante einer ziemlich beeindruckenden Felsfluh, die Landschaft wird offener und die Steilheit der Wegspuren lässt etwas nach, ohne gleich in den Plaisir-Bereich zu fallen.

Wir schauen uns herum und sehen überall Spuren, die der Glacier du Dolent auf seinen Vor- und Rückgängen hinterliess: geschliffene Granitplatten und Moränen zeugen von seinem unsteten Lebenswandel. Plötzlich kracht es, «wo ist es? dort? nein, dort!», und ein Eisturm («Sérac») bricht weit über uns in sich zusammen und hinunter. Der Weg ist so angelegt, dass man vor Eisschlag sicher ist, und so können wir dem Spektakel mit einer Mischung aus Verblüffung, Bange und populärstwissenschaftlichem Interesse begegnen.

Nach einem kurzen, sanft geneigten Felsgürtel erreichen wir die oberste Tranche unseres Aufstiegs: ein grobgeschnittenes Geröllfeld mit Wegmarkierungen und manchmal einem Pfad. Die wenigen Schneeresten stören nicht weiter, schon eher die sengende Sonne.

Und plötzlich steht er da - unser Sputnik, gelandet auf 2667 m. Wie ein Mondlandemodul, inmitten einer Mondlandschaft aus Granit und Eis. Wir schauen uns um, geniessen die grossartige und absolut einsame Bergwelt, die fast schon gespenstische Stille, die auf wenige Farben reduzierte Umgebung, die Unschrillheit dieser Ecke des Weltalls. Und fühlen uns an 1969 und den Mare Tranquillitatis erinnert. Wie war das damals, als Apollo 11 «The Eagle has landed» zur Erde ächzte und berühmte Bilder um die Welt schickte? Das waren Amerikaner, und somit etwas im Widerspruch zum Sputnik. Wer war zuerst im All? Wer zuerst auf dem Mond? War denn jemand überhaupt auf dem Mond (www.heise.de/tp/deutsch/special/raum/4605/1.html)? Wer stand auf welcher Seite? Wer hat das Wettrennen gewonnen? Hat am Ende überhaupt jemand gewonnen?

Fussnoten der Geschichte. Tatsache ist: wir sitzen neben einem Sputnik, unsere Mondlandschaft ist hier, und sie ist echt. Es könnte nicht einsamer sein: wir fühlen uns im siebten Himmel auf Erden.