Mountain Wilderness Schweiz
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Gestatten? Ich bin das Wildmannli.

Meine Familie ist uralt und inzwischen über alle Alpenländer verbreitet. Am häufigsten sieht man mich noch im Wallis und an der Basler Fastnacht, wo ich einmal im Jahr in Aktion trete. Aber kennen tun sie mich doch immer gleich, seien es Städter oder Bergler – dabei bräuchten sie eigentlich gar keine Angst vor mir haben, denn ich bin ein herzensgutes Wesen und tue niemandem etwas zu Leide, wenigstens solange man mich in Ruhe lässt und mein Revier, die Wildnis, respektiert... Ich begleite den gesamten Prix Wilderness und werde an dieser Stelle von den einzelnen Etappen berichten. Viel Spass und bis bald in der Wildnis!

Ach ja: Mein schönes Holzgesicht gefällt Euch? Dann wendet Euch an Toni Meier von woodart, Kriens!

Uiiiiii... Das Wildmannli wurde im Val di Lodrino gesehen...

  • Il Quotidiano TSI 24.09.2007

Il premio Wilderness 2007 per le regioni selvagge svizzere sbarca in Ticino. E più precisamente nel Sopraceneri, dove si apre una valle davvero impervia che ha saputo valorizzare le testimonianze sul territorio, aprendosi ad un turismo sostenibile. (c) RTSI

Hui! Das Wildmannli in der Tagesschau!

  • Tagesschau SF-DRS1 23.09.2007 Origineller Naturschutz

Alpenschutz-Organisationen warnen vor der Überbauung der Schweizer Berge. Alpinisten suchen den radikalen Weg zurück zur Natur. Ihr Motto heisst Clean Climbing. (c) SF1

Heissa! Im Oberwallis war das Wildmannli am Radio...

D'Natur müess gschützti cho. Us dem Grund zeichnet Mountain Wilderness sit 1999 vor allem engagierti Persone üs, wa schich uf en ganz bsundrigi Art um iischi Wildnis kümmerent. Öi im Oberwallis. Der Daniel Buri brichtet.   (c) Radio Rottu

30. September

Ausgangspunkt: Davos Dorf
Höhepunkt: das verschneite Flüelatal
Zielpunkt: Wägerhus unterhalb des Flüelapasses
Wetter: schon recht winterlich
Preisträger: Hans Fankhauser

In den vergangenen Tagen hat sich in den höheren Regionen der Schweiz bereits der Winter eingenistet: Still präsentierte sich heute das Flüelatal, bereit für den Winter, der dem geschlossenen Pass die verdiente Ruhepause zurückgibt. Für Wintersportler und Wildtiere eröffnet sich gleichermassen ein Paradies - wäre da nicht BMW.

Seit ein paar Jahren mietet der deutsche Autohersteller die Passstrasse, um seinen Kunden Winter- und Schleudertraining auf dem Schottensee beim Flüelapass anbieten zu können. Der Aufwand dieser PR-Aktion ist unverhältnismässig, der Impact auf die schlafende Natur nicht zu rechtfertigen: Lawinen müssen gesprengt, etwa 2m Schnee von der Strasse weggefräst (bei Wind täglich), das Eis auf dem See bereits im Dezember aufwändig gepflegt werden (Schneeräumung auf dem See fördert die Eisbildung). Besonders fragwürdig ist die Nutzung des Sees selbst, der jenes Grundwasser speist, welches wiederum die ganze Talschaft Davos mit Trinkwasser versorgt. Die Folgen eines Unfalls müssen als bisher ungenügend abgeklärt gelten - bares Geld (magere 20'000 Franken pro Saison für die Nutzung der Passstrasse) ist der Gemeinde offenbar wichtiger als sauberes Wasser.

Den Kampf gegen die winterlichen Störefriede hat Hans Fankhauser aufgenommen. Er war früher langjähriger Gemeindepräsident von Küblis und ist heute im Ruhestand. Er hat eine Petition gegen die Nutzung des Sees durch BMW angeregt und die Unterschriftensammlung koordiniert. Seit der erfolgreichen Einreichung Mitte letzten Jahres wartet er bisher vergeblich auf eine Stellungnahme. Noch weiss daher niemand, ob die Ruhe am Flüela winters auch dieses Jahr durch unnötige Trainingsfahrten und die Vorbereitungsarbeiten dazu gestört werden wird. Gerade der Tourismus könnte darunter bald einmal leiden. Augen auf, Davos!, meint das Wildmannli.

29. September

Ausgangspunkt: Sur am Julierpass
Höhepunkt: der Überraschungsbesuch bei Jürg Meyer
Zielpunkt: Alp Flix
Wetter: verflixt

Preisträger: Jürg Meyer

 

Heute hat sich das Wildmannli einen besonderen Spass erlaubt: Es platzte mitten in die Abschiedsfeier von Jürg Meyer, dem scheidenden Umweltbeauftragten des Schweizer Alpen-Clubs SAC, im Hotel Piz Platta auf der Alp Flix! Eigentlich ist solch lautes Wildmannligepolter ja gar nicht mein Stil - aber die Überraschung glückte! Jürg war scho achli überrascht über den Gast aus der Wildnis... Uiii da fing es dem Wildmannli zu gefallen an! Es juggte umher und zeigte sich von seiner wildesten Seite - bis bei Jürg der Zwanzzger fiel und der letzte "offizielle" Händedruck mit dem Wadenbeisser getätigt wurde.

Jürg Meyer verlässt den SAC nach elf intensiven Jahren. Das Umweltdenken unter den Schweizer Alpinisten hat er in dieser Zeit massgeblich befördert und geprägt. Mountain Wilderness möchte Jürg Meyer für sein Engagement danken. Naturgemäss war die Zusammenarbeit reibungsvoll - aber so muss das vermutlich sein. Jürg Meyer vertrat immer wieder eine kritische Position in den eigenen Reihen und hat dadurch auch die Anliegen von Mountain Wilderness stark gemacht. Danke Jürg!

Auch an seiner Verabschiedung fand der scheidende Umweltbeauftragte kritische Worte für die leichtsinnige "Verbetonierung", "Verbohrung" oder "Verklettersteigung" der Alpen. Die Gäste spürten, wie das Herzblut für eine unberührte, wilde Bergwelt Jürg Meyers Handeln und seinen unermüdlichen Einsatz bestimmt hatte. Nach dem Znacht liess er die vergangenen Jahre Revue passieren und zeigte durch vielseitigste musikalische Intermezzi von Schubert bis Schönberg, von Blues bis Ragtime, dass er auch auf dem Klavier den Ton angeben kann - meisterhaft.

Übrigens: Anlässlich des Besuchs bei Jürg Meyer hat das Wildmannli auch gleich seinen Nachfolger im Amt kennen lernen dürfen: Tom Gurtner. Auf dass die Wildnis auch in ihm eine starke Stimme findet, die bei den roten Socken (und nicht nur diesen) gehört wird!

28. September

Ausgangspunkt: Cama im Moesano
Höhepunkt: Geissenraclette Älplerart
Zielpunkt: Alpe da Lagh im Val Cama
Wetter: Herbst-Winter
Preisträgerin: Katia Boschi

Wie das Val di Lodrino zeichnet sich auch das Val Cama durch eine hohe Talstufe aus. Der Wanderer steigt durch Kastanienwälder eine Flanke empor, bis sich plötzlich ein Weg quer zum Haupttal, dem Misox, öffnet. Über Stock und Stein geht es weiter, unter riesigen Felsblöcken durch, dem rauschenden Bach entlang. Unversehens steht man am Lai da Cama, einem herrlichen Bergsee, der romantisch zwischen Wiesen und Lärchenwäldchen liegt.

Hier haben Katia Boschi und Robert, ihr Freund, den Sommer über ihr Zuhause. Und mit ihnen etwa hundert Ziegen, ein paar Duzend Schafe, drei Kühe und zehn Schweine. Alle Tiere sind alte Bergrassen: Engadiner Schafe, Walliser Strahlziegen, Wollschweine und Rhätisches Grauvieh - und das ist auch gut so. Denn die Wiesen der Alp sind abschüssig, und wenn im Juli wegen Trockenheit nur noch die steilen Planggen saftiges Gras zu bieten haben, sind wahre Kletterkünste gefragt. ProSpecieRara unterstützt deshalb die Zucht der Sorten im Tessin. Die Bauern wiederum sind dankbar, dass sie die Tiere sommers in Katia Boschis Obhut geben können. So entsteht ein wahres Netzwerk des Artenschutzes und der landschaftsgerechten Alptierhaltung.

Gestern haben die letzten Vierbeiner die Alp Richtung Tal verlassen - nur noch Gänse und Hühner leisten den Älplern Gesellschaft. Der Schnee ist schon nahe, beide sind froh, ist die Saison nun vorbei - und vor allem: ohne Zwischenfall oder ernsthafte Erkrankungen. Die robusten Tiere sind auch prädestiniert für diese Alp, sagt Robert: "Hier gibt es nicht viel Gras - nur das Grauvieh nimmt hier oben zu, andere Rassen dagegen würden abnehmen."

Katia Boschi hat Biologie studiert und verbringt nicht den ersten Sommer im Val Cama. Ihrer Phantasie sind auch die zahlreichen Käse- und Joghurtprodukte entsprungen, die auf der Alp angeboten werden - frisch und in Handarbeit hergestellt, versteht sich. Hmmmm - das Wildmannli wurde köstlich bewirtet: mit feinem Geisschäsraclette auf selbstgebackenem Dinkelbrot aus dem Holzofen! Wer sich telefonisch anmeldet, kann von den vielen Köstlichkeiten zwischen Mai und September nächsten Jahres wieder kosten. Buon Appetito!

27. September

Ausgangspunkt: Peccia
Höhepunkt: Cavallo del Toro (2517 m.ü.M.)
Zielpunkt: Corte della Froda
Wetter: Plan B...
Preis-Tragender: Christoph Blum

Nachdem die Kaltfront wie angekündigt auch das Tessin erwischt hatte, waren die Kletterwände heute morgen nass und rutschig. Ein Blick in die Höhe machte schnell klar: die geplante Erstbegehung am Piz della Molera im Val Calanca findet nicht statt. Christoph Blum zuckt nur mit der Achsel: «Dann halt eben nächstes Mal». Wenn der Arzt nicht in seiner Praxis in Langenthal mit Stetoskop oder Gipsbandagen hantiert, trifft man ihn oft im in Kletterfinken oder Bergschuhen im Tessin, das fast schon zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Er kennt die Rippen, Pfeiler, Platten und Türme der Sonnenstube wie kein zweiter. Vor allem aber hat er als Kletterer noch viele Wünsche, Träume und Ideen: Erstbegehungen in diesem Paradies der wilden Klettereien.

Am Montag (den wir kurzerhand zur heutigen Tagesetappe erkoren haben) war Christoph Blum zusammen mit Dani Silbernagel auf neuen Wegen unterwegs: An der Ostflanke des Cavallo del Toro eröffneten sie eine neue Route über den rechten Wandteil. Ein gutes Duzend Seillängen im festen Gneis, gut absicherbar mit Camlots und Klemmkeilen und relativ homogen im dritten, vierten Grad. Christoph Blum liebt solche Herausforderungen: Klettertechnisch im gemässigten Schwierigkeitsgrad, als Gesamtunternehmung aber abenteuerlich – denn wie bei jeder Erstbegehung ist der Ausgang ungewiss. Am Montagabend erreichten die beiden ihr Tagesziel und stiegen glücklich über den Lago della Zota zur Corte della Froda ab, wo ein Biwak mit Lagerfeuer errichtet wurde. Für alpinistische Pionierleistungen muss man eben nicht nach Pakistan oder in den Himalaya fliegen – das Tessin ist dazu wild genug!

26. September

Ausgangspunkt: Cresciano, Postautohaltestelle
Höhepunkt: Die Boulderblöcke oberhalb des Dorfes
Zielpunkt: Cresciano, Postautohaltestelle
Wetter: Norden nass und kalt, Süden sonnig
Preis-Tragender: Gernot Böttinger

Wenn das Wetter im Norden nass und kalt, im Süden dagegen sonnig und warm ist, reisen die Boulderer und Kletterer in Scharen südwärts. Doch für jene, die mit dem Auto kommen, ist am Gotthard vorerst Schluss – die Blechlawine staut sich auf Kilometern und verzögert die Anfahrt für eine kleine Ewigkeit. Schade um das schöne Wetter! Immer mehr Boulderer setzen deshalb für einen Tagesausflug in den Süden auf den Zug – er ist (Tageskarte) oft billiger und schneller, garantiert aber ist er absolut stressfrei. Im Speisewagen werden Topos studiert und Finger gewärmt, denn ehe man sich versieht, steht in Bellinzona schon das Postauto für die letzten Kilometer zum Einstieg bereit.

Cresciano, wenig nördlich des Tessiner Hauptortes gelegen, wartet mit dem besten, was die südschweizer Boulderblöcke zu bieten haben. Hier eröffnete Fred Nicole mit «Dreamtime» das erste 8c-Problem der Welt und seither geben sich die internationalen Cracks die Griffe in die Hand. Kein Wunder also fühlt sich auch Gernot Böttigner wohl unter den schattenspendenden Kastanienbäumen. Elegant schiebt er sich eine schiefe Platte hoch und angelt der Kante entlang: «Un uomo un perchè», 6a. Hui, keine Frage für das Wildmannli – es macht einfach Spass, sich Zug um Zug vorwärts zu bewegen, während in unregelmässigen Abstände die Kastanien auf den weichen Waldboden plumpsen. Und weil nachher niemand ans Steuer muss, kann man sich am Fels heute so richtig verausgaben. Ganz zu schweigen davon, dass auch das Bierchen im Agriturismo «La Finca» doppelt schmeckt!

25. September

Ausgangspunkt: Alpe Vercasca im Val di Lodrino
Höhepunkt: Alpe Piotta zuhinterst im Val di Lodrino
Zielpunkt: Lodrino, Casa del Patriziato
Wetter: Wetterumschlag
Preisträger: Mario Bognuda und Elvio Bernardi, Patriziato di Lodrino

Nach einer sternenklaren Nacht mit endlosen Gesprächen auf der Alpe Vercasca präsentierte sich der Morgen heute eher spätherbstlich. Das Val di Lodrino zeigte uns sein rauhes Gesicht – nichtsdestotrotz ein wunderschönes! Unterhalb der Steinwüsten des Poncione di Piotta zogen Nebelschwaden der Waldgrenze entlang und die hohe Luftfeuchtigkeit liess uns die Wildnis besonders mit der Nase intensiv erleben: Es roch herrlich frisch!

Nach dem langen Abstieg nach Lodrino erwarteten uns unten im Dorf bereits Mario Bognuda und Elvio Bernardi vom Patriziato di Lodrino, der Bürgergemeinde und Besitzerin der Talschaft. Das Patriziato ist für den Unterhalt der Infrastruktur des Val di Lodrino zuständig – und tut dies in grossartiger Weise! Hütten und Wege werden zurückhaltend saniert, der Wanderer findet zur Übernachtung zahlreiche offene Rifugios zur (freien) Benützung. Elvio Bernardi, Präsident des Patriziato, glaubt an einen sanften Wandertourismus: «Die Infrastruktur erhalten wir für die Bewohner unseres Dorfes, für Jäger, Pilzsammler und Schäfer. Aber auch Touristen, die unser Tal besuchen, profitieren davon.»

Im Headquarter des Patriziato werden Pläne für die Sanierung eines weiteren, zerfallenden Landwirtschaftsgebäude geprüft. Die handwerklichen Arbeiten führt zu einem grossen Teil Mario Bognuda, Sekretär des Patriziato, eigenhändig aus. Der gelernte Typograf arbeitet bei der Zeitung «La Regione» in Bellinzona, betreibt daneben aber das Trockenmauern als Hobby. Auf den Alpen des Val di Lodrino hat er hunderte von Stunden und in den letzten Jahren fast jedes zweite Sommerwochenende verbracht. Ohne seinen freiwilligen und zu einem grossen Teil ehrenamtlichen Einsatz wären die Hütten des Tals nicht in dem Zustand, welchen der Wanderer jetzt vorfindet. «Etwas Leidenschaft gehört schon dazu – ich bin hier geboren und das Tal ist mir ans Herz gewachsen», begründet er seinen Einsatz. Das wilde Tal kann in einem einzigen Tag auch kaum durchwandert werden – deshalb ist Mario Bognudas Einsatz gerade für den Wildwandernden im Val di Lodrino von unschätzbarem Wert. Dank ihm lässt sich ein starkes Stück Wildnis auf unvergessliche Weise erleben.

24. September

Ausgangspunkt: Lodrino in der Riviera
Höhepunkt: Val di Lodrino
Zielpunkt: Alpe Vercasca (ca. 1800 m.ü.M.)
Wetter: sommerlich mild
Preis-Tragender: Florian Boller

Vom Val di Lodrino haben die meisten Tessin-Reisenden noch nie gehört. Es ist ein typisches Tessiner Seitental mit einer hohen Talstufe, das territoriale Merkmal vieler Talschaften des Kantons und ein Garant für die Integrität der Natur. Denn in dieses Tal führt kein fahrbarer Weg. Es gehört ganz den Wanderern, Jägern, Ruhesuchenden und Wildnisfreaks.

Florian Boller kennt das Val di Lodrino wie seine Hosentasche, er weiss, wo versteckte Pfade zu finden sind und welches Rifugio sich als Zielpunkt am ehesten anbietet. Sein Wissen um das Tal und seine Besucher hat er sich im Rahmen seiner Diplomarbeit als Geograf an der Universität Zürich angeeignet. Darin untersuchte er die "Remoteness" verschiedener Gebiete in der Südschweiz. Das Val di Lodrino ist für ihn (und erst recht für das Wildmannli!) ein Leckerbissen - hier fühlt man sich wie zuhause!

Bald lassen wir die lärmige Riviera auf steilen Pfaden hinter uns und befinden uns in schönster, unberührter Natur. Der Weg ist manchmal breit, manchmal aber nur andeutungsweise zu erkennen. Florian Boller erzählt mir von seiner Umfrage unter den Nutzern des Weg- und Hüttennetzes, anhand derer er diese in verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Zielvorstellungen gliedern konnte. Trotz Unterschieden möchten alle Val-di-Lodrino-Wanderer, dass ein gewisser Erschliessungsgrad durch markierte Wege garantiert wird, dass im Tal aber andererseits auch in Zukunft sehr zurückhaltend in die Natur eingegriffen wird. Über die Jahre ist hier nämlich eine Nische für einen sanften Wandertourismus entstanden, welcher gerade dank der relativen Wildnis des Tals ein kleines, aber treues Publikum findet. Wer noch nicht zu diesem gehört, sollte dies schleunigst ändern!

23. September

Ausgangspunkt: Chironico in der Leventina
Höhepunkt: Anzonico hoch über der Leventina
Zielpunkt: Lavorgo in der Leventina
Wetter: Staulage am Gotthard, aber nur auf der Strasse
Preisträger: Sergio Mariotta

In der heutigen Sonntagsetappe nahmen wir einen Augenschein dort, wo sonst alle nur durchfahren: in der Leventina. Natürlich staute sich die Blechlawine vor dem Südportal des Gotthards wie fast jeden Sonntagabend auf einer Länge von mehreren Kilometern... Passend zum Thema! Sergio Mariotta, der heutige Preisträger führte das Wildmannli aus dem Lärm des Talbodens nach Anzonico, von wo aus die Schönheit der Talschaft erst richtig erlebbar wurde. "Leventina Vivibile" heisst die Bewegung, die Sergio Mariotta und weitere Bewohner des Tals 2002 nach dem Unfall im Tunnel und dessen Sperrung ins Leben riefen. "Damals wurde uns richtig bewusst, wie das Leben ohne Transit aussehen würde", so Mariotta.

Seither versucht er, die Einwohner für das Problem zu sensibilisieren und ihnen eine Stimme zu geben, wenn (über ihre Köpfe hinweg) die alpenquerende Verkehrspolitik gemacht wird. Der Aufschwung beginnt aber im Kopf - denn ein Grossteil des Transits ist Freizeitverkehr, der problemlos auf den Zug umsteigen könnte, wenn er nur wollte und vor der Abfahrt daran denken würde... Das Wildmannli empfiehlt deshalb allen motorisierten Wildnisfreaks wärmstens, hier in der oberen Leventina einmal auszusteigen, hinzuschauen, hinzuhören und hinzuriechen - und das nächste Mal den Zug zu nehmen!

22. September

Ausgangspunkt: All'acqua im Val Bedretto
Höhepunkt: vollständig bohrhaken-freier Pfeiler am Poncione di Manió (ca. 2700 m.ü.M)
Zielpunkt: Piansecco-Hütte
Wetter: wie geschaffen für einen Kletterkurs
Preis-Tragender: Daniel Silbernagel

Wer in die Natur geht, möchte diese eigentlich so antreffen, wie sie war, bevor der Mensch sich an ihr zu schaffen machte. Beim Klettern gehört dazu der Verzicht auf Bohrhaken, denn der Fels verändert seinen Charakter, das Klettererlebnis verliert seine Intensität, wenn es nur noch darum geht, sich von Bolt zu Bolt zu bewegen. Natürlich sagt diese Art des Kletterns dem Wildmannli sehr zu... Aber uiii, Klettern mit mobilen Sicherungsgeräten will gelernt sein; nicht einmal das Wildmannli kommt um eine Lektion Sicherungstechnik herum und also hiess es heute in die Schule gehen! Das war allerdings das reinste Vergnügen.

Dani Silbernagel, Bergführer bei "Bergpunkt" und heutiger Preis-Tragender brachte uns sechs Wildnisfreaks das wilde Vergnügen mit Friends und Klemmteilen bei. Zuerst im Klettergarten, wo im Zweifelsfall noch immer ein paar Bohrhaken neben der Route glitzerten, dann aber bald am richtigen, "unverbohrten" Fels. Hui, kam das Wildmannli ins Kletterfieber! Das Felserleben ist intensiv, denn bei diesem Kletterstil muss man schon genau hinschauen, wie und wo es weitergeht... Adrian, Michaela, Noèle, Pesche und Philipp waren sich jedenfalls einig, dass dieses Kurswochende ihnen Augen und Herz geöffnet hat für ein wildes steiles Stück felsiger Natur. - Und das Wildmannli? Das turnte die ganze Nacht bei Mondschein am Poncione di Manió herum, dass die Camlots und Klemmkeile Funken warfen...

21. September

Ausgangspunkt: Zürich Hauptbahnhof
Höhepunkt: Üetliberg, der Zürcher Hausberg (871 m.ü.M.)
Zielpunkt: Zürich Hauptbahnhof
Wetter: mild
Preis-Tragender: Felix Nipkow

Der Zürcher Hausberg ist schon sehr lange kein Wildnisgebiet, seit kurzem aber auch keine Erholungszone mehr. Der Ort der Ruhe ist zu einem touristischen Profit Center gemacht worden. Unbewilligte Autofahrten, eine massiv ausgebaute Nachtbeleuchtung, Helikopterlandungen auf der Plattform und (teilweise unbewilligte) bauliche Erweiterungen prägen das Bild auf dem Üetliberg. Hier liegt ein krasser Nutzungskonflikt zwischen einem unter Schutz stehenden städtischen Naherholungsgebiet und den Partikularinteressen des Hoteliers Giusep Fry vor. Welche Interessen wiegen schwerer? Der heutige Uto Kulm liegt in einem Gebiet, das im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung BLN eingetragen ist («Albiskette Reppischtal»). Es ist kantonales Landschaftsschutzgebiet, liegt in einer archäologischen Zone und ist Pflanzenschutzgebiet.

Zusammen mit Felix Nipkow startete das Wildmannli deshalb heute auf dem überlaufenen Ausflugsziel – natürlich in Richtung Wildnis! Heissa, die gibt es sogar am Üetliberg! Steiler und wegloser Wald, Rutschzonen an der Ostflanke oder das verwilderte Bergsturzgebiet Richtung Albisgüetli: Dorthin zieht es uns. Wir verlassen den breiten Kretenweg und sind bald in der wildesten Natur. Hier sind Molassequerschnitte zu bewundern, die aus der Zeit vor der ersten Vergletscherung stammen. Das Gelände ist sehr instabil und so wundert es nicht, dass beim Triemli der grösste Geschiebefänger des Kantons steht. Wer den Gipfel meidet findet am Üetliberg alles, was sein Herz begehrt. Schade nur, dass unten am Albisgüetli geschossen wird – das Wildnis-Erlebis wäre sonst perfekt.

20. September

Ausgangspunkt: Rapperswil
Höhepunkt: Universitätsspital Zürich
Zielpunkt: Rapperswil
Wetter: mild, wie es der Altweibersommer nur sein kann
Preis-Tragende: Tina und Adi Schnetzler-Hostettler

Die heutige Etappe führte nicht in die Wildnis, sondern in die Zukunft. Das Wildmannli hatte die Ehre, Tina und Adi Schnetzler-Hostettler nach Zürich ins Universitätsspital zu begleiten. Das frisch verheiratete Paar erwartet Anfang nächstes Jahr ihr erstes Kind. Der Ultraschall brachte heute gute Nachrichten aus dem Mutterbauch: Das kleine Wesen ist gesund und entwickelt sich prächtig. Darüber sind nicht nur die baldigen Eltern froh, auch das Wildmannli schaut der Geburt erwartungsvoll entgegen. Denn die Wildnis wird auch in Zukunft Menschen brauchen, welche sie nicht nur schätzen und lieben, sondern durch ihr Verhalten auch schützen und erhalten.

Heissa, hier stehen die Chancen gut, dass die Welt bald um einen kleinen Wildnisfreak reicher ist! Denn Adi und Tina Schnetzler sind selber gerne draussen unterwegs: mit Zelt und Wildwasserkajak oftmals auch in unwegsamem Gelände, wo nur der Wildbach die Route vorgibt. Sie geniessen es, in ihren Ferien oder einem verlängerten Wochenende der Zivilisation den Rücken zuzukehren und in den Bergen Wildnis zu tanken. Wird dies auch das kleine Menschlein mit seinem auf dem Ultraschall lebhaft pulsierenden Herz noch erleben können? Wir haben es in der Hand.

19. September

Ausgangspunkt: Martigny
Höhepunkt: Käserei Les Granges in Salvan
Zielpunkt: Martigny
Wetter: herbstlich
Preisträgerin: Caroline Gay

In der Region Mont Blanc haben viele Gäste nur ein Ziel vor Augen: den Gipfel dieses grossartigen Berges. Doch die Region hat mehr zu bieten als ein paar klassische Routen. Abseits der Aufstiegswege, felsigen Pfeiler und ausgetretenen Gletscherrouten findet sich eine grosse Zahl kleiner Initiativen, welche einen Besuch lohnen und den Neugierigen dabei mit viel Aufmerksamkeit und herzlicher Gastfreundschaft empfangen. Mountain Wilderness hat mit «Butiner» ein Netzwerk dieser Klein- und Kleinstprojekte aufgebaut.

Auch der Hof von Caroline und Stéphane Gay in Salvan, mittlerweile der einzige grössere Bauernhof der Talschaft, ist ein Glied davon. Caroline Gay hat mit viel Erfindergeist eine grosse Palette von Milchprodukten kreiert, welche sie in Handarbeit in ihrer kleinen Käserei herstellt und im Hoflädeli zum Verkauf anbietet: «Les Granges» heisst das Hof-Label, das für Qualität und sorgfältige, naturnahe Produktion steht und inzwischen überregionale Bekanntheit erlangt hat. Das Kräuter-Raclette ist zu einem Verkaufsschlager geworden; die Wallisreisenden können es auch im Tal unten in verschiedenen Restaurants geniessen. Die Nachfrage war derart gross, dass die Vorräte bei unserem Besuch tutti quanti ausverkauft waren. Hui, da leuchten die Wildmannliaugen aber! Carolines Fleiss, ihre Hartnäckigkeit und der Glaube an die Existenzberechtigung einer kleinen Käserei wurden dadurch belohnt.

18. September

Ausgangspunkt: Goppenstein
Höhepunkt: Gattunmandli (2450 m.ü.M.)
Zielpunkt: Ferden im Lötschental
Wetter: nass
Preisträgerin: Anni Imstepf

Im Lötschental wurde bis zum zweiten Weltkrieg Zink und Blei abgebaut, davon zeugen noch heute Mauerreste, Schlittenspuren oder ganze Seilbahnen, mit denen der Ertrag ins Tal gebracht wurde. Davon zeugt aber auch ein regelrechtes Wegnetz, das jedoch nur teilweise ins Wanderwegnetz integriert wurde. Ein äusserst schönes, wenn auch recht steiles Teilstück führt von Goppenstein zum Gattunmandli. Heute waren wir - trotz ergiebigen Regenschauern - mit Anni Imstepf auf diesem Weg unterwegs. Ein grossartiger Weitblick öffnet sich dem Wanderer, Preiselbeeren säumen den Wegrand und eine sehenswerte Quelle, der "schreiend Bach" sprudelt aus dem Permafrost. Daneben sind am Weg die Spuren des Bergwerks überall sichtbar - ein Teil seiner Geschichte, die das Lötschental leider noch nicht aufbereitet hat. Umso mehr freut sich der Alpinist, unterwegs zur Bietschhornhütte, der auf diesem weiss-blau-weissen Weg nicht nur schnell aufwärts, sondern auch zurück in die Vergangenheit gelangt. 

Doch diese Route, die einen von zwei Zustiegen zur Hütte bildet, ist bedroht. Weil sie durch eidgenössisches Jagdbanngebiet führt, soll der Weg verboten werden; eine Praxis, die neu ist und dazu fragwürdig, wird sie doch inkonsequent angewandt. Der noch junge und vor allem viel stärker frequentierte "Europaweg" etwa führt auch durch Jagdbanngebiet. Das Wildmannli fragt sich, was die pro Saison etwa hundert Alpinisten, die den Weg benützen, dem Wild für Schaden zufügen sollen? Das Gebiet ist nämlich herrlich wild und einsam! Die kleine Bietschhornhütte, eine der vorbildlichsten Hütten in den schweizer Alpen, wird von Hüttenwartin Anni Imstepf ausserdem zurückhaltend bewirtschaftet. Mit dem alternativen Zustieg würde die Hütte auch Gäste verlieren, was ihre Existenz gefährdet. Die Wildnis (und das darin lebende Wild) kann man nicht durch die Sperrung eines alten und seit kurzem auch wieder gut unterhaltenen Weges schützen, findet das Wildmannli. Ausgang offen - wir drücken Anni Imstepf die Daumen!

17. September

Ausgangspunkt: Griesalp im Kiental
Höhepunkt: Hohtürli (2778 m.ü.M.)
Zielpunkt: Kandersteg
Wetter: noch mild - aber wie lange noch?
Preis-Tragende: Simone Aeberhard

Nach einem wunderbar kulinarischen Sonntag war heute ein alpiner Leckerbissen wieder sehr willkommen. Über stotzige Schutthalden gings auf das Hohtürli, den Übergang vom Kiental zum Öschinensee. Das Wildmannli war mit Simone Aeberhard unterwegs, die als demnächst diplomierte Geografin ihren Blick für die durch die Klimaerwärmung erhöhten Naturgefahren geschärft hatte. Die Gletscher- und Moränenlandschaft zwischen Blüemlisalphorn und Öschinensee bot hierzu reichlich Anschauungsmaterial. Die Spuren von Murgängen und Felsstürzen waren überall zu finden. Der Gletscher selbst befindet sich auf dem Rückzug, wovon auch ein grösseres Gletschertor und ein kleiner See im Gletschervorfeld zeugt. Dieser See würde selbst wiederum zur Gefahr, wäre er nicht durch einen Felsriegel stabilisiert. Simone Aeberhard entwickelt ein Schema zur Beurteilung der Naturgefahr solcher Folgen der Klimaerwärmung. Vor allem aber hilft sie, die Augen für diese Konsequenzen zu öffnen. Sichtbar wird die Klimaerwärmung besonders im Alpenraum - die Wildnis muss als erste dran glauben...

16. September

Ausgangspunkt: Stanserhorn
Höhepunkt: in Meter das Stanserhorn, kulinarisch der Käse von der Chienere
Zielpunkt: Wirzweli
Wetter: ziemlich mild, etwas dunstig
PreisTragende: Elsbeth Flüeler

Gemässigt: ist wohl nur so eine Redensart und dürfte die Höhenmeter betreffen. Das Wildmannli war nämlich bei den Wiesenbergern zu Besuch und die sind alles andere als gemässigt, obwohl sie so schön romantisch die Ewigi Liäbi jodeln. Bei den Wiesenbergern war das Wildmannli bei den Älplern zu Besuch, die «in die Planggen» gehen, das heisst Wildheu mähen, was viel Geschicklichkeit und Kraft erfordert. Das Wildmannli war sehr beeindruckt, wie schön die steilen Hänge am Stanserhorn nach dem Mähen aussehen, mit den Herbstzeitlosen drin. Es lernte auch, dass das Wildheuen vom ökologischen Standpunkt her sehr wichtig ist, wegen der Artenvielfalt und Hangstabilität. Da wo nicht gemäht wird, verganden nämlich die Matten und es gibt häufig Rutsche. Später war es dann beim Rone Vreni zum Schwarzen eingeladen. Ja, auch da hat es viel erfahren – was aber nicht die ganze Welt wissen muss. Aber noch etwas: das Wildmannli hat den Alpkäse probiert und sehr gern gehabt.

15. September

Ausgangspunkt: Wildmannlihöhle
Höhepunkt: Weisshorn, 4505 m.
Zielpunkt: Wildmannlihöhle
Wetter: mildes, aber sehr dünnes Lüftchen
Preis-Tragender: Pascal Stern

Natürlich gehört zu einer richtigen Preiswanderung auch ein ganz hoher Berg. Pascal Stern hat das Wildmannli heute deshalb auf einen ganz besonderen Gipfel geführt: das Weisshorn in den Walliser Alpen. Im Gegensatz zu Pascal, der diesen Viertausender aus eigener Kraft ersteigen musste, hat das Wildmannli bekanntlich die Fähigkeit, sich bei Bedarf in Luft aufzulösen und so kräftesparend ans Ziel zu gelangen. So lachte der Gruppe am Gipfel bereits mein hölzerenes Gesicht fröhlich entgegen! Heissa was für eine Freude, diese ehrgeizigen Liehbaber der alpinen Wildnis hier wärmstens begrüssen zu dürfen. Natürlich sparte das Wildmannli auch nicht mit stärkenden Zaubersprüchen, schliesslich hatte sich der Trupp die nicht ganz leichte Überschreitung des Gipfels über Ost- und Westgrat vorgenommen. 18 Stunden waren sie insgesamt unterwegs. Pascal: "Es war eine Berg(tor)tour der Extraklasse, und dies bei besten Verhältnissen!" Das Wildmannli verbeugte sich vor dieser Leistung und - sssssschsch... - verliess den Schauplatz in Richtung gemässigte Zone...

14. September

Ausgangspunkt: Meiringen
Höhepunkt: Aargletschervorfeld
Zielpunkt: Grimselhospiz
Wetter: ziemlich mild
Preisträger: Urs Eichenberger

Wasserkraft gilt als ökologisch, aber oft bleibt die Natur dabei auf der Strecke. Heute stand eine Begehung der Stauregion im Grimsel auf dem Programm. Zusammen mit Urs Eichenberger brachen wir vom Hospiz auf und wanderten entlang dem von der Grimsel-Staumauer künstlich erstellten See. Der Weg führte durch ein (geschütztes) Moorgebiet, das in den schönsten Farben leuchtete. Später durchquerten wir ein Arvenwäldchen mit teilweise zweihundertjährigen Baumveteranen.. Aber ganz aus dem Häuschen geriet das Wildmännchen beim Anblick des Gletscherweibs, das seit fast zwanzig Jahren über das Gletschervorfeld des Aarlgetschers wacht... Der Grimselverein hatte dieses Wesen im Kampf gegen "Grimsel West" ins Leben gerufen, um dem gigantomanen Stauprojekt zu trotzen.

Seit 1999, als das Projekt fallen gelassen wurde, gilt der Wiederstand der geplanten Staudammerhöhung. Ihr sollen nicht nur Teile der Moorlandschaft und des Arvenwäldchens geopfert werden, sondern auch das gesamte Gletschervorfeld mitsamt seiner einzigartigen Flora. Und dies, obwohl der Gewinn der Stauerhöhung für die Stromproduktion nicht erwiesen und die Folgen für die Umgebung von der Passhöhe bis zum Brienzersee nicht abgeklärt sind. Das Wildmannli schüttelt da nur den Kopf: Mit wirtschaftlichen Interessen ist dieser Verlust nicht zu rechtfertigen - oder war es das Gletscherweib, welches dem Wildmannli den Kopf verdreht hatte?

13. September

Ausgangspunkt: Meiringen
Höhepunkt: Aareschlucht
Zielpunkt: Rosenlaui
Wetter: wild wäre anders
Preis-Tragende: Andrea Kauer

Heute stand eine echte Königsetappe auf dem Programm: aber nein, nicht ein steiler Gipfelanstieg, nicht eine schwierige Schlüsselstelle in brüchigem Fels war heute zu bewältigen. Das Wildmannli startete in bester Gesellschaft: Stadtmenschen, die sich für das Erlebnis Natur viel Zeit nehmen. Wir entdeckten (rote) Eichhörnchen und bunt gescheckte Käfer, wir schlenderten genussvoll den schon leicht verfärbten Waldrändern entlang.. Hui war das Wildmännlein in Stimmung (nicht nur wegen der feinen getrockneten Apfelschnitzli, welche es zu ergattern gab)! Langsamkeit ist ein kostbares Gut - glücklich, wer es für sich entdeckt hat. Andrea Kauer: "soft hiking müsste man das nennen; nicht die Leistung steht im Vordergrund, sondern das intensive Erleben. Sport passiert da ganz nebenbei...". Das Ziel der Etappe lag dann auch bezeichnenderweise in einem Handy-Funkloch: Das Hotel Rosenlaui hat nicht nur seinen Charme (aus der Belle Epoque), sondern auch seinen einfachen Standard erhalten und bietet dem Wanderer ein herrliches Nachtlager. Heissa, so viel erlebt und gesehen auf so wenigen Kilometern!

12. September

Ausgangspunkt: Stadtzentrum
Höhepunkt: Waldweg in kompletter Finsternis
Zielpunkt: ein Bahnhof irgendwo
Wetter: kühler Nachtwind
Preis-Tragender: Matthias Restle

Gar nicht so weit vom Stadtzentrum beginnt ein Stück Wildnis, das man am besten mit dem Velo und nachts erfährt: der Stadtrand. Zivilisationsspuren mischen sich hier mit landwirtschaftlichen Zonen, längst aufgebene Industriebrachen wechseln mit Einkaufszentren ab, die zur nächtlichen Stunde geisterhaft leer erscheinen. Kühle Nachtluft durchströmt die Nasenflügel, die feuchten Wiesen duften. Jetzt biegen wir vom Asphalt auf einen Feldweg ein, der in den Wald führt. Doch unsere Fahrt hat kein konkretes Ziel, ausser dem Erfahren der Gegend und der Übergänge zwischen urbanem Zentrum und der Natur. Das Fahrrad ist hierzu das perfekte Verkehrsmittel. Es rauscht durch die Nacht und gibt uns das Gefühl, unterwegs zu sein, ohne auch nur die kleinste Trennwand zur Umgebung aufzubauen. Matthias Restle unternimmt öfters solche ziellose Fahrten hinaus aufs Land, manchmal auch ausgestattet mit etwas mehr Zeit - und einem Schlafsack. Jede Wegkreuzung stellt ihn vor eine Entscheidung: links oder rechts? Er trifft sie ohne Karte und ohne Plan. Irgendwann landet er wieder am Ausgangspunkt oder an einem Bahnhof.

11. Sepember

Ausgangspunkt: Bern
Höhepunkt: Lindentäli
Zielpunkt: Bern
Wetter: noch milder geht nicht
Preis-Tragender: Reto Santschi

Der Tag fing heute eigentlich erst nach Feierabend an - wie er das für so manchen Berner Boulderer tut, der dann seine Finken packt und ins Lindentäli düst, wo eine herrliche Wand mit Boulderproblemen in allen denkbaren Graden wartet. Reto Santschi zieht es auch oft dorthin. Sein bevorzugtes Anreisemittel ist das Velo: "Das geht schneller als per Auto (sie stecken um diese Zeit im Stau) und in der rund 50minütigen Fahrt ist das Aufwärmen erst noch inklusive." Also ging es ab Hauptbahnhof Zürich per Velo weiter. Und was für eines: Ein Tandem-Bike brachte uns von der Stadt aufs Land. Da geht die Fahrt doppelt rassig - hui, das Wildmannli hätte gern noch ein paar Runden gedreht. Das Bouldern ging dann flott von den Fingern, auch wenn die Grifflein manchmal gar klein waren und weit oben hingen! Aber dann, allez und los. Der Heimweg ging dann wieder flott und staufrei - so muss ein Bouldertag sein (und es war eigentlich nur ein Abend...).

10. September

Ausgangspunkt: Brienz
Höhepunkt: Brienzer Rothorn (2244m.ü.M.)
Zielpunkt: Kemmeribodenbad
Wetter: mild wie der Herbst nur sein kann
Preisträger: Fredi von Gunten

Der Herbsttag lachte allen ins Herz, erst recht Fredi von Gunten, der das Wildmannli heute über den weglosen Grat vom Brienzer Rothorn bis zum Augstmatthorn führen sollte. Ab Brienz brachte uns das Rothornbähnli bequem zum Kulm, wo sich uns eine atemberaubende Aussicht eröffnete. Im Süden präsentierten sich die ganzen Berner Alpen vom Schreckhorn bis zur Jungfrau, im Norden reichte der Blick bis weit ins Luzernische. Geradezu spektakulär dagegen der Talblick! Über steile Flanken ging es direttissima zum Brienzersee, an dessen Blau man sich nicht satt sehen konnte. Hui, da wurde es dem Wildmannli aber gschmuch ums Herz und nach ein paar kletternden Metern auf dem Grat wurde uns der Wert eines bequemen Wanderwegs wieder richtig bewusst. Fredi, der Geschäftsführer der Schweizer Wanderwege, liess sich natürlich nicht lange bitten und wir wählten bald den Weg statt dem weglosen Grat.

Natürlich nutzten wir aber jede Gelegenheit zum Wildwandern und querten die steilen Wiesen nach Lust und Laune. Briefenhorn und Tannhorn liessen wir rechts liegen, das Augstmatthorn dagegen links, denn zuletzt gings rasant hinunter, nordwärts, zu den Harzisböde, wo die junge Emme zum Füsse-Eintauchen geradezu einlud... Heja, das Wildmannli fand hier sogar noch ein paar in Holz geschnitzte Artgenossen! Nur die Aussicht auf ein paar feine "Merängge" (Meringues) im Kemmeribodenbad brachte uns wieder auf den Weg.

9. September

Ausgangspunkt: Chlialp
Höhepunkt: Heuwberg (2785m.ü.M.)
Zielpunkt: Brienz
Wetter: wilder, aber immer noch mild
Preis-Tragender: Jan Gürke 

Was für ein Erwachen! Vereinzelte Nebelschwaden lagen noch um die Gipfel, während hie und da ein Stück blauer Himmel uns auf die Beine rief. Das Wildmannli war trotz der Vortagesetappe purlimunter, hätte sich aber am liebsten gleich richtig eingenistet in der Alphütte, die für eine Nacht unser Privatbungalow gewesen war. Per Postauto gings auf den Sustenpass, wo sich gegen Norden der schöne Blockgrat des Heuwberg zog. Kein Bohrhaken verdarb uns hier den Kletterspass. Für Stimmung sorgte auch der Nebel, der immer wieder von der Passhöhe gegen den Grat hinaufzog und uns die rauhe Seite des Sustengebiets spüren liess. Als die Finger steif waren, kam ein Raclette auf der Passhöhe gerade richtig!

8. September

Ausgangspunkt: Kröntenhütte
Höhepunkt: Gross Spannort (3198m.ü.M.)
Zielpunkt: Chlialp
Wetter: unbeschreiblich mild
Preis-Tragender: Andi Schnider

Die heutige Etappe brachte den Prix Wilderness und mit ihm das Wildmannli in die alpine Zone, wo der Winter bereits Einzug gehalten hatte. Frühmorgens ging es über den Gletscher, der nicht umsonst "Glattfirn" heisst, an den Fuss des Gross Spannort, der sich als Pyramide aus dem weissen Meer erhebt. Nach einem steilen Einstiegscouloir lachten uns schon leuchtend rote Bandschlingen im Fels entgegen... Aber hoppla - wäre ja gelacht, wenn wir nicht auf wilderen Wegen unseren Gipfel erreichen könnten! Deshalb wagten wir uns an den grossen Gendarmen unter dem Gipfelaufbau und bezwangen ihn mühelos - vielleicht gar eine Erstbesteigung? Das Wildmannli frohlockte! Nach einem Gipfel mit viel Aussicht überquerten wir den Glattfirn erneut, diesmal Richtung Glatt Pass, von wo es steil und weglos zur Juzfad bergab ging. Was für ein wildes Seitental! Wir kletterten über schmale Grasbänder, Schutt und Schneecouloirs abwärts und aufwärts und wieder abwärts, teilweise bis zur Hüfte im Schnee steckend, bis uns schliesslich die Talsohle der Chlialp mit Nebel empfing. Als wir die einfache Alphütte erreichten, war es längst finster. Was für ein wilder Tag!

7. September

Ausgangspunkt : Zürich
Höhepunkt: Alpentaxifahrt
Zielpunkt: Kröntenhütte
Wetter: mild
Preis-Tragender: Dani Mülli

So muss eine Tour starten: Gemütlich im Zug tuckerten wir den Alpen zu, die sich mit ihrem weissen Schneehäubchen heute besonders verlockend präsentierten. In Erstfeld wartete schon das Alpentaxi auf uns, welches uns weit hinten im Erstfeldertal absetzte und uns damit ein paar kräftezehrende Höhenmeter ersparte. Wildnisgerecht also gelangten wir an den Ausgangspunkt unserer Tour - dank dem grossartigen öV-Angebot des Kantons Uri. Heissa holter di polter - das Wildmannli hätte nicht genug bekommen von dieser alpinen Taxifahrt! Noch Fragen? 079 4139115: die Alpentaxizentrale!

6. September

Ausgangspunkt: Zürich
Höhepunkt: Seewen, Obstgarten «Im Hunghafen»
Zielpunkt: Zürich
Wetter: mild aber kalt
Preisträger: Christoph Wassmann

Eigentlich hätte die heutige Tagesetappe ja über den Pragelpass nach Seewen führen sollen; aber da eine an der Haustür begonnene Tour auch dort wieder enden muss (siehe Eintrag von gestern), ging es in Zürich los. Für die Reise wurde das Wildmannli «Im Hunghafen», einem alten Obstgarten oberhalb Seewen bei Schwyz, mit einem feinen Zmittag belohnt. Anschliessend stand eine Besichtigung der ungefähr 150 Hochstamm-Obstbäume, Trockenmauern und Hecken des «Hunghafens» auf dem Programm.

Natürlich durfte das Wildmannli überall probieren, sprich: in die saftigen Äpfel und Birnen beissen. Hui das sind wahre Gaumenfreuden! Ganz besonders lecker: die «Berner Rose». Aber Christoph Wassmann beherbergt im Obstgarten, den er ungefähr einmal wöchentlich pflegt, noch zahlreiche andere Köstlichkeiten. Vor zehn Jahren hat er mit ProSpecieRara etwa 40 neue Bäume gepflanzt, allesamt seltene, heute kaum noch bekannte, teilweise aber überaus schmackhafte Sorten. Während der Erntezeit beliefert er damit ein paar kleine Volg-Filialen und Restaurants. Das Wildmannli war begeistert von der Vielfalt und vor allem von den Leckerbissen, die da von den Ästen herunter hingen. Ein wahres Schlaraffenland für Obstliebhaber. Oder wie es Christoph Wassmann formulierte: «Ich möchte mal ein Wurm sein in meinem Obstgarten!»

5. September

Ausgangspunkt: Zürich
Höhepunkt: Fluebrig (2093m.ü.M.)
Zielpunkt: Zürich
Wetter: wild und einmalig schön
Preis-Tragender: Beat Schilter

Die heutige Tagesetappe war äusserst sportlich – genauso wie Beat Schilter, der sie für Mountain Wilderness als heutiger Preis-Tragender ausgesucht hat. Aber was kann so besonders sein an einer Besteigung des Fluebrig, zuhinterst im Wäggital, der mit seinen 2093 Meter nun wahrlich keine alpinistische Herausforderung darstellt (für das Wildmannli schon gar nicht... hihi)? Ganz einfach: Die Tour startete gewissermassen schon an der Haustüre, wo als Reisemittel das Velo bereit stand.

Wie der Sausewind ging es von der Quaibrücke über Meilen, Stäfa, Rapperswil bis (fast) nach Siebnen. Auf der rechten Talseite schlängelte sich ein prächtig einsames Strässchen ins Wäggital hoch, das letzte Teilstücke bis zum See war auf der Kantonsstrasse zu bewältigen. Ausgangspunkt der Tour war das hintere Seeende, das mit dem öV nicht direkt (nur durch einen Fussmarsch der Strasse entlang) erreicht werden kann. "Clever", findet das Wildmannli – das nenne ich "Individualverkehr"! Auf den Fluebrig gings im Rekordtempo, besonders, als es zu schneien begann... schon ganz schön winterlich, der Gipfel; da schlägt mein Wildmannliherz natürlich schneller!

Den Rückweg per Rad wählten wir über den Sattel, Sihlsee und Seerücken, wobei das Wildmannli zugegebenermassen ein bisschen von seinen Reserven zehren musste  – bei 120 Velokilometern und jeweils etwa 1000 Höhenmetern auf zwei Rädern und zu Fuss kein Wunder. Sportlichen Alpinisten ist aber die Nachahmung wärmstens empfohlen!

4. September

Ausgangspunkt: Engi
Höhepunkt: Chreuelalp (1310m.ü.M.)
Zielpunkt: Engi
Wetter: Wilder Wintereinbruch
Preisträgerin: Renate Zauner

Schon beim Aufstieg auf die Chreuelalp begegnete ich einer fast schwarzen Kreuzotter – was für ein schöner Bote der Wildnis! Auf der Alp wurde das Wildmannli dann warm und herzlich von Renate Zauner und Michael Tanner empfangen. Über Nacht war schon der erste Neuschnee gefallen und die Berggipfel und höheren Alpen waren weiss. An einem solchen Tag gibt es viel zu tun. Die Kühe (darunter 4 Stück Grauvieh) mussen von der Mittelstaffel in die Unterstaffel gebracht, die Ziegen (vor allem Walliser Schwarzhalsziegen und Bündner Strahlenziegen) gar von der Oberstaffel geholt werden. Die Natur zeigte sich heute von ihrer rauhen Seite... was den beide Älplern aber nichts anhaben konnte. In solcher Gesellschaft fühlt sich auch das Wildmannli vögeliwohl!

3. September

Ausgangspunkt: Obstalden
Höhepunkt: Murgsee
Zielpunkt: Engi
Wetter: ziemlich mild
Preisträger: Emil Zopfi

Es war noch dunkel, als Emil Zopfi und ich heute morgen in Obstalden, hoch über dem südlichen Walenseeufer, zu unserer Tagesetappe aufbrachen. Zur Rechten kam zuerst der Mürtschenstock in die ersten herbstlichen Sonnenstrahlen: Was für ein Paradies für uns Wildmannlis! Eine unberührte Landschaft aus Fels und Stein, wild zerfurcht und majestätisch. Emil hat schon recht, wenn er sagt, diesem Berg fehle der Markt! Dem Wanderer zu steil und zu rutschig, dem Kletterer zu brüchig, dem Alpinisten zu wenig hoch - da fühle ich mich dafür umso wohler!

Unsere Route führte uns nach zwei Anstiegen zum Murgsee, bevor sich nach einer weiteren Steigung schon der Blick ins Sernftal öffnete. Ein wildes, von einem tosenden Bergbach belebtes Seitental bot nun die Bühne für unsere Gespräche.. wie die Berge in Emil Zopfis Büchern oft der Schauplatz seiner Geschichten sind. Morgen feiert das jüngste, "spurlos", Buchvernissage (Buchhandlung Piz Buch Berg, Zürich). Ich les es bestimmt... schliesslich bin ich kein Analphabet!

2. September

Ausgangspunkt: S-Chanf
Höhepunkt: Albulapass
Zielpunkt: Chur
Wetter: extrem mild
Preisträger: Simon Bischof

In aller Herrgottsfrüh gings heute mit Sack und Pack mit dem Zug von Zürich nach Landquart und durch den Vereinatunnel ins Engadin nach S-Chanf. Von dort ging es weiter auf zwei Rädern. Hui, das Wildmannli kam bei der frischen Engadiner Luft so richtig in Fahrt! Preiswandern macht auf zwei Rädern doppelt Spass. Erst recht, als es aufwärts ging: Der Albulapass war heute nämlich für den motorisierten Verkehr gesperrt. Ach, wäre das nur immer so! Simon Bischof, unser heutiger Preisträger, ist da ganz meiner Meinung... Jedes Sommerwochenende soll ein Schweizer Pass dem Veloverkehr reserviert werden - das ist sein Fernziel. Wer heute beim Slow Up Albula dabei war, wird diese Iniative des Vereins "Freipass" unterstützen, denn die freie Fahrt durch diese wilde Natur ist ein Traum - ohne Töffgeknatter und kritische Überholmanöver. Und weil wir so in Schwung gekommen waren, hängten Simon und ich grad noch die Lenzerheide an. Die allerdings war ein Graus - verkehrstechnisch. Fazit des Tages: Für Velos braucht es mehr Freipässe!

1. September

Ausgangspunkt: Zürich
Höhepunkt: Chäferberg
Zielpunkt: Zürich
Wetter: weder wild noch mild
Preisträger: Dominik Siegrist

Ich kann es noch kaum glauben: Das Wildmannli ist zur Preiswanderung des Prix Wilderness 2007 gestartet! Zur Akklimatisation stand heute ein Spaziergang auf den Chäferberg bei Zürich auf dem Programm. Bereits kam auch mein Regenschutz aus Birkenrinde zum Einsatz... schwedisches Patent! Das Wetter kann sich schliesslich auch in der Zivilisation von seiner rauhen Seite zeigen. An der Wibichstrasse traf ich auf den ersten Preisträger, Dominik Siegrist. Es gab zuerst einen Kräutertee, bevor wir den letzten Anstieg zum Chäferberg (562m.ü.M) in Angriff nahmen... auch für mich ein lehrreicher Ausflug! Modellregion Alpen - alles klar? Wer jetzt nicht schaltet, kann dazu mehr im Preisträgerporträt nachlesen.